Bharmanasana

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Anita Isiris

Yvo betrat den kleinen Yoga-Übungsraum in der Folgewoche nicht ohne Vorbehalte. Noch allzu gut hatte er den etwas spöttischen Blick von Cornelia, der Yogalehrerin, in Erinnerung, die ihm in der vorangehenden Woche in aller Offenheit mitgeteilt hatte, er solle seine Augen beim nächsten Yoga-Training lieber zu Hause lassen. Yvo war kein schlechter, unmoralischer Mensch. Er verstand sich auch keinesfalls als Voyeur. Aber da war der Nucleus Amygdaleoideus, der nicht zu beherrschende tiefliegende Hirnkern, Teil der Basalganglien, der im Grunde mit jedem Mann machte, was er wollte. Es war dieser Kern, dieses Konglomerat an Synapsen, das die Männer so verrückt nach Frauenkurven machte. Unschuldig und nichts Böses denkend standen sie auf den Rolltreppen dieser Welt, die Frauen. Unschuldig und nichts Böses denkend stand ab und zu ein Mann hinter ihnen, auf den Rolltreppen dieser Welt. Und dann sandte dieser lüsternste aller lüsternen Hirnkerne Feuersalven, und der Hintern der unschuldigen und nichts Böses ahnenden Frauen war plötzlich nackt. Splitterfasernackt.  Ganz zu schweigen von omnipräsenten Brüsten an den Aldi-Kassen und in den Hörsälen dieser Welt. Wobei es der Amygdala absolut keine Rolle spielt, ob die Brüste von einem BH umarmt werden oder nicht, ob sich der T-Shirt-Baumwollstoff direkt an den Mamillen reibt.

Aber da waren sie nun mal, diese verdammten, verdammten weiblichen Rundungen, von denen jeder Mann genau weiss:

Zur Welt kommen. Eine nackte Frau sehen. Und sterben. Damit ist der Lebenszweck eines Jeden eigentlich erfüllt. Mehr gibt es nicht zu entdecken, außer vielleicht den einen oder anderen Stalaktiten oder Stalagmiten in einer Tropfsteinhöhle. Aber das menschliche Sehnen, das der Frauen selbstverständlich auch, gilt dem weiblichen Körper, dieser Krone aller jemals dagewesenen Evolutionen.

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