Wir hatten da noch ein paar Fragen und sie meistens auch ’ne Antwort.
Nachdem sie alle Fragen, soweit sie konnte, beantwortet hatte, seufzte sie plötzlich und schob noch hinterher: „Ihr habt es gut. Ihr habt ein Ausreisevisum.“
Wir verstanden kein Wort. Von Visum war an der Grenze keine Rede gewesen. Wir müssen sie beide sehr blöd angeschaut haben.
„Macht doch mal eure Handgelenke frei.“
Wir streiften die Kleidung zurück und zeigten ihr unsere nach dem langen Winter etwas käsigen Handgelenke.“
„Seht ihr etwas …?“
„Nein!“ Das kam von uns beiden im Chor.
„Genau, ihr seht nichts. Gleich werdet ihr verstehen …“ Sie krempelte den Ärmel ihres Pullovers höher und eine Tätowierung kam zum Vorschein. ‚Rh+‘
„Deine Blutgruppe?“, fragte Kris, merkte aber selbst, dass das Quatsch war, denn es fehlte der Buchstabe davor.
„Schön wär’s. ‚Rh‘ steht für Rhode Island. Wer das auf dem Arm hat, ist quasi Eigentum von Big Jack und darf die Grenzen in die Nachbarstaaten nicht überschreiten.“
„Und das ‚+‘?“, jetzt fragte ich.
„Ist noch schlimmer, das sind wir Inselbewohner, wir kommen nicht einmal auf Festland. Hier in Jamestown leben mehr als 1.300 Menschen in einem sehr übersichtlichen Freiluftgefängnis. Ausweispapiere waren gestern. Heute müssen sie an den Brückenwachen Reisenden nur aufs Handgelenk schauen.“
„Und wenn ihr mit Booten …“
„Geht mal die Ufer entlang und sagt mir, ob ihr Boote seht. Die haben sie entweder zerstört oder weggeschleppt oder für eigene Zwecke unter Verschluss genommen.“
Ich sagte darauf nichts mehr, weil mir schien, wir hatten schon zu viel geredet. Ein paar andere Gäste wurden schon aufmerksam.
Als plötzlich zwei bewaffnete Schmierlappen an unserem Tisch standen, hatte Lucille uns glücklicherweise schon verlassen. Es hätte komisch ausgesehen.
Uns rutschte das Herz in die Hose.
Big Jack
Nach dem großen Sterben – Die Bruderschaft
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