Blind Taste

49 19-30 Minuten 2 Kommentare
Blind Taste

Blind Taste

Alina Soleil


Die Türen zum Flur gehen auf und der erste Gang wird gebracht. Ich höre Schritte hinter mir und spüre dann die Anwesenheit einer Person zu meiner Rechten, wohl ein Kellner, der uns gleich den ersten Gang servieren wird.
„Riecht nach Kürbissuppe, oder was meinst du?“, fragt Melek in den Raum hinein. Wen sie mit „du“ meint, kann man ja nicht sehen.
„Ich denke eher, das sind Karotten“, ruft Lotti von der Tischmitte. Sanne, die in ihrer Nähe hockt, meint dagegen, es sei etwas mit Huhn.
„Weder noch, Mädels“ sagt der Kellner zu meiner Rechten mit einer wundervollen, sonoren, männlichen Stimme. „Wer als erste rät, was es ist, muss nachher nicht spülen.“

Er stellt etwas auf den Platzteller vor mir, dem Klang nach eine Porzellanschüssel. Dabei erhasche ich einen Hauch seines Körperdufts. Er riecht unglaublich gut und rüttelt meine Libido wieder wach, die gerade ein wenig abgelenkt war wegen all der neuen Eindrücke um mich herum. Ich kann fühlen, dass er neben mir stehen bleibt. Offenbar wartet er darauf, was wir gleich sagen werden. Ich taste nach dem Löffel, führe ich unbeholfen in die Schüssel und danach zum Mund, was sich einfacher anhört als es ist. Tatsächlich lande ich zuerst an meinem Kinn, weil der Löffel eine andere Länge hat und schwerer ist als meiner zuhause.

Dann die erste Überraschung: die Suppe ist kalt. Offenbar wollte man verhindern, dass wir uns irgendetwas verbrennen, solange wir noch unbeholfen mit dem Besteck umgehen. Die zweite Überraschung: sie schmeckt nach nichts. Beziehungsweise nach nicht sehr viel. Ich vermute Gurke. Eine Art Gazpacho aus Gurke und noch irgendetwas, das ich nicht einordnen kann.

„Und? Was meint ihr?“
Wieder diese tiefe Stimme, diesmal von der Stirnseite des Tisches, schräg vor mir. Sie dringt in mich ein, geht durch mich hindurch, wie ein heißes Messer durch Butter.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 4384

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Meine tiefste Verneigung.

schreibt rockroehre

Hätte es tatsächlich noch einen Beweis für das unglaubliche Talent der Autorin für Szenarien und ihr unnachahmliches Händchen für eine konsequente, bis ins letzte Eckchen durchdachte Umsetzung dafür gebraucht — sie kann ihn auch noch toppen. Tatsächlich immer wieder. Vielen herzlichen Dank für diese zauberhafte Entführung, ein weiteres Mal.

schreibt Amorelio

wow, sehr heiß, danke

Gedichte auf den Leib geschrieben