Brennende Leidenschaft

Das Etablissement II

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Brennende Leidenschaft

Brennende Leidenschaft

Joana Angelides



Prior Kyrill kniete in seinem Betschemel neben dem Altar und betete besonders inbrünstig. Er hatte den Mitbruder direkt vor Augen und sah sein schmerzverzerrtes Gesicht. Er versetzte sich in die Rolle von Melchior und wollte seine Pein am liebsten übernehmen. Er war genauso schuldig, wenn nicht in noch höherem Maße aufgrund seiner Stellung im Kloster. Vor seinem geistigen Auge rollten die Ereignisse der letzten Wochen wie ein Film ab. Seine Erlebnisse im Etablissement der Madame Alexandrowa, seine Begegnung mit Pawlow, seine offenbare Unterwerfung und sein Verlangen nach ihm.
Er hob den Blick und es traf ihn wie ein Blitz. Pawlow blickte während der ganzen Tortur von Melchior unverwandt zu ihm herüber und seine Blicke drückten den blanken Triumph aus. Er erriet offenbar seine Gedanken, genoss seinen Seelenschmerz und Kyrill wusste, dass er heute nach dem Gebet wieder in seinen Raum kommen würde, um ihn zu demütigen. Und er würde heute härter zuschlagen.

Anastasios hatte inzwischen die Strafe vollzogen. Die Rückenansicht Melchiors war mit Striemen übersät. Er lag nun schwer atmend mit dem Gesicht auf dem Steinboden und man konnte sehen, dass er versuchte, sich zu sammeln. Anastasios verließ die Kapelle und ging in die rückwärtige Sakristei. Er machte einen unbeteiligten Eindruck, war in Wirklichkeit befriedigt und sehr zufrieden mit sich. Er genoss es, wenn er sich als Werkzeug Gottes fühlen konnte.
Prior Kyrill stand auf und verließ mit gesenktem Haupt die Kapelle. Er begab sich in seine Kemenate, verschloss sie von Innen und griff zur Peitsche an der Wand. Er vollzog die Strafe mit Inbrunst und brüllte dabei seine Pein zu Gott hinaus, küsste dabei das Kruzifix.

Die anderen Mitbrüder liefen zu Melchior hin und halfen ihm auf. Sie waren alle erleichtert, dass sie dieses Mal davongekommen waren. Einige von ihnen hatten diese Strafe schon über sich ergehen lassen müssen und wussten ob der tagelang anhaltenden Schmerzen.

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