Der Brunnen

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Der Brunnen

Der Brunnen

Yupag Chinasky

Der Schweiß rann in kleinen Bahnen von seiner Stirn. Wenn er ihn nicht rechtzeitig abwischte, weil seine spärlichen Augenbrauen die Rinnsale nicht abhielten, gelangten sie in seine Augen, trübten seinen Blick, er musste zwinkern, mit den dreckigen Fingern oder dem feuchten Taschentuch die Augen auswischen, um da Brennen auf den Schleimhäuten, das sie verursachten, zu vermeiden. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren, denn zu den Sichtproblemen, kam die Hitze und der Dreck auf der Windschutzscheibe, weil das Spülwasser ausgegangen war. Er brauchte aber eine gute Sicht und musste sich konzentrieren, denn die Straße war sehr schlecht, übersät von Schlaglöchern und Unebenheiten, hinter jeder Kurve konnte plötzlich ein Ochsengespann, ein Radfahrer oder eine andere Überraschung auftauchen. Hinzu kam, dass er sich ständig orientieren musste, an jeder Kreuzung, an jeder Abzweigung musste er entscheiden, welches wohl die richtige Richtung war, denn Hinweisschilder schien es in diesem Land nicht zu geben. Er bereute inzwischen, dass er die viel bequemere autopista verlassen hatte und sich stattdessen auf miesen Straßen durch eine ziemlich unattraktive Gegend quälte. Warum war er nur hier, was suchte er überhaupt hier in dieser gottverlassenen Gegend? Eine plausible Antwort hatte er nicht, aber zurück wollte er auch nicht, also würde er noch einige Kilometer durch die Pampa fahren müssen, vorbei an Mais- und Tabakfeldern, vorbei an den riesigen Flächen mit Zuckerrohr. Alles war gelb und braun, kein wohltuendes Grün, nirgends Wald, kaum Bäume oder Büsche und nirgends auch nur das kleinste bisschen Wasser, kein Fluss, kein Teich, nada. Die Hoffnung auf mehr landschaftliche Abwechslung versprachen die dunklen Berge am Horizont, denen er sich langsam näherte und in der Tat wartete dort eine ungeahnte Überraschung auf ihn. Aber noch war er meilenweit entfernt. Die nächste Kreuzung wurde durch ein vergammeltes Verkehrszeichen angekündigt, neben der Straße ein Wartehäuschen aus Beton für Busse, die wohl nur selten im Laufe des Tages vorbeikamen. Aber einer würde wohl doch bald kommen, denn im Schatten des Häuschens stand eine Person und wartete, eine Frau, wie er beim Näherkommen bemerkte. Eine nicht mehr ganz junge Frau in einem kurzen schwarzen Kleid mit großzügigem Ausschnitt, der ihm, typisch Mann, natürlich sofort auffiel. Neben ihr auf dem Boden standen eine Reisetasche aus Plastik und ein halbvoller, grauer Leinensack. Sie streckte die Hand aus, wollte offensichtlich mitgenommen werden. Er hielt an, denn er nahm immer gerne Leute mit, dann hatte er etwas Unterhaltung und meistens konnten ihm die Begleiter ohne Probleme den richtigen Weg zeigen. Am liebsten nahm er Frauen mit, weil er sich mit denen am besten unterhalten konnte und weil er weibliche Gesellschaft generell liebte. Bei jungen Männern hatte er immer ein mulmiges Gefühl, ob sie nicht doch etwas im Schilde führten und ihn beklauten. Bei Frauen, da war es sich sicher, würde das nicht geschehen, deswegen Frauen, besonders wenn sie Kinder dabei hatten oder noch ganz jung und attraktiv waren.

Die Frau war weder ganz jung noch hatte sie ein Kind bei sich. Sie war solo und sehr froh, dass er gehalten hatte, denn sie bekreuzigte sich und ließ ein lautes „gracias a dios“ vernehmen. Aber sie war attraktiv. Sie mochte so um die Vierzig sein, etwas gedrungen, aber gut proportioniert. Ihre Haut war ein sanftes Braun, die mittellangen schwarzen Haare wurden auf der Mitte des Kopfs von einem Reif zusammengehalten. An den Ohrläppchen hingen große Ohrringe und um den Hals hatte sie ein Kettchen mit einem kleinen Kreuz. Sehr aufreizend und geradezu ein Blickfang war ihr großzügiges Dekolleté, das zwei wunderschön geformte, prächtige Halbkugeln sehen ließ. Auch das Gesicht der Frau war bemerkenswert, vor allem deshalb, weil sich sein Ausdruck kaum veränderte. Sie schaute immer etwas skeptisch, nicht unfreundlich, zurückhaltend und neugierig zugleich. Dieses Gesicht war sehr hübsch, keine Frage, ebenmäßig, mit großen Augen, einer geraden Nase und vollen, aber nicht wulstigen Lippen. Am meisten aber faszinierten ihn diese Augen, ausdrucksstarke, dunkle Augen, die diesen interessierten und etwas traurigen Blick hervorriefen und die ihn sehr intensiv anschauten. Geheimnisvolle Augen, die er so schnell nicht vergessen würde. Als sie neben ihm saß, hatte er das Gefühl, dass sie den Blick nicht von ihm wandte, selbst wenn er nicht zu ihr hinschaute und sich auf die Straße konzentrierte. Die Erleichterung, dass er angehalten und sie mitgenommen hatte, konnte man ihr ansehen und auch hören, sie bedankte sich mehrfach, kein Wunder, bei der Hitze und dem schweren Gepäck. Ob sie noch lange auf den Bus warten müsse, begann er die Unterhaltung. Der Nächste käme erst gegen Abend, war ihre Antwort und dann erzählte sie, dass sie ihre Töchter zu ihrer eigenen Mutter, also deren Großmutter in die Stadt gebracht hatte. Sie lebten dort unter der Woche, damit sie in die Schule gehen könnten. Sie seien 14 und 16, gute Schülerinnen, gute Kinder, aber von ihrem Haus aus sei es unmöglich, jeden Tag in die Schule und zurück zu fahren. Sie wohne so abgelegen, da käme sie auch nicht per Anhalter hin, weil auf dem Weg nie jemand fahren würde und sie müssten immer erst eine halbe Stunde laufen, um bis zur Landstraße und zum Bus zu kommen. Sie kämen fast jedes Wochenende trotz der beschwerlichen Anfahrt. Wie lange die beiden noch gerne zur Mama kommen würden, wisse sie nicht, weil es in ihrem Haus doch sehr einsam und langweilig sei und weil beide in der Stadt inzwischen Freunde hätte und besonders die Ältere, ein sehr hübsches Mädchen, von den chicos umschwärmt würde, was natürlich schöner sei, als sich in der Wildnis zu langweilen. Ab und zu würde sie die Töchter begleiten, wenn sie früh am Montagmorgen in die Stadt zurückkehrten, um dort all das einzukaufen, was es in dem Dorf nicht gab und das sei fast alles. Was sie denn in dem Sack habe, wollte er wissen und ihre Antwort: Zement. Ihr Küchenboden müsse dringend repariert werden und in ihrer cooperativa, wo sie arbeite, gäbe es schon seit Monaten keinen Zement. Dort gäbe es gar nichts, kein Geld um die Arbeiter angemessen zu bezahlen, kaum Lebensmittel, nur das Notwendigste auf libreta, dem Büchlein mit den Bezugsscheinen und ab und zu Konserven aus China. So etwas wie Seife oder Deo seien aber Fremdwörter. Warum sie denn an der Haltestelle stehe, wenn der Bus erst viel später komme, wollte er nun wissen. Sie habe den richtigen Bus, den Mittagsbus zu ihrem Dorf verpasst, und musste einen nehmen, der an der Kreuzung abbog und in eine andere Richtung fuhr. Sie habe gehofft, dass bald jemand kommen und sie mitnehmen würde, das sei normal in diesem Land, dass man mitgenommen wird, aber ausgerechnet heute sei kein Auto gekommen, eine ganze Stunde lang kein einziges Auto, das in ihre Richtung fuhr. Es sei zum Verzweifeln und deswegen sei sie so froh, dass er vorbeigekommen und sie mitgenommen habe.

Dann folgten auf den restlichen Kilometern bis zu dem Dorf die üblichen Fragen, wo er herkomme, aus welchem Land, was er hier tue, wo er hin wolle. Während sie redeten, warf er immer wieder kurze Blicke auf diesen wunderschönen Busen und die halbnackten Beine und in diese faszinierenden Augen. Sie bemerkte es natürlich, weil sie ihn ständig anschaute. Sie schien gegen diese Blicke nichts zu haben, jedenfalls ließ sie sich nichts anmerken, im Gegenteil, auch ihr schien es zu gefallen, dass sie zusammen in einem engen, heißen Auto saßen, gemeinsam schwitzten und Blicke austauschten. Lieber im Auto schwitzen, dachte er, als an dem Bus Stopp warten müssen. Frauen wollten meistens auch noch wissen, wie alt er sei, ob er verheiratet sei und Kinder habe, aber diese Frau wollte gar nicht so viel über ihn wissen und über sich selbst erzählte sie auch recht wenig. Er erfuhr nur, dass sie in eine cooperativa arbeite, für einen Hungerlohn, aber immerhin bekäme sie Lebensmittel und manchmal auch Hilfe, wenn etwas repariert werden müsse. Sie habe einen schönen Garten, produziere ihr eigenes Gemüse, sogar eigenen Tabak, obwohl sie kaum rauchen würde. Sie habe alles, was man so zum Leben bräuchte und sie käme ganz gut über die Runden, auch ohne Mann. Sie lebe allein, seit der sie verlassen hatte, das sei schon lange her, als die Töchter noch sehr klein waren.

Als sie das Dorf vor sich sahen, sagte sie, er solle sie gleich am Ortseingang aussteigen lassen, aber er meinte, er würde sie gerne bis zu ihrem Haus fahren, sie habe ja gesagt, sie müsse noch eine halbe Stunde zu Fuß gehen und das bei der Hitze und mit dem schweren Gepäck. „Gracias“, sagte sie erleichtert und bekreuzigte sich erneut. Das Angebot würde sie gerne annehmen, aber es sei ein Umweg und die Straße sei sehr schlecht. Er habe Zeit, ein Umweg sei kein Problem und schlechter als die Straßen bisher, könne keine sein. Das stimmte aber nicht, der Pfad, mehr war es nicht, war noch eine Klasse schlechter, die Schlaglöcher noch tiefer, die Kurven noch steiler, denn hier begannen die ersten Ausläufer der Bergkette, die er schon von Weitem gesehen hatte. Dann kam auch noch ein kurzer, aber sehr steiler Anstieg zu einer kleinen, baumbestandenen Anhöhe. Neben der Straße war auf einmal auch ein kleiner Bach aufgetaucht, dessen Wasser in der Sonne blinkte und schimmerte und ihm plötzlich klar wurde, dass er sehr durstig war und auch eine Dusche oder ein Bad ganz gut gebrauchen könnte. Aber mit der Dusche würde er wohl bis zum Abend warten müssen. Während er vorsichtig das letzte Stück den Berg hochfuhr, wunderte er sich, dass die alte Kiste, die ihm die Autovermietung gegeben hatte, auch diese miserable Strecke gut bewältigte.

Endlich waren sie angekommen. Auf dem kleinen Plateau, hinter dem die Berge nun richtig steil anstiegen, stand, umgeben von einem Naturzaun aus Kakteen und umrahmt von einigen großen Bäumen, ein flaches Haus, eigentlich nicht viel mehr als eine größere Hütte. In dem Zaun war ein Tor aus verrostetem Wellblech, hinter dem Zaun ein Hund, der erst gebellt hatte, jetzt aber, da er seine Herrin erkannte, ohne sie zu sehen, freudig winselte und jaulte. «Bueno perro, calmate». Beruhige dich rief die Frau, öffnete das Vorhängeschloss und stieß das Tor auf. Ein mittelgroßer, schwarzer Hund, eine Mischung verschiedenster Rassen, kam herausgeschossen und begrüßte sein Frauchen freudig erregt, mit pausenlosem Schwanzwackeln und weiterem heiseren Gebell und Gewinsel. Die Frau tätschelte seinen Kopf, er sprang an ihr hoch. «Bueno, calmate», sagte sie noch einmal und dann, zu ihm gewandt, ob er nicht für einen Moment hereinkommen wolle, sie könne ihm einen Kaffee machen und ihm ein Glas gutes, kühles Wasser anbieten. Als sie vor Jahren das Haus gebaut hatten, ihr Mann und sie, habe er einen tiefen Brunnen ausgehoben, bis zu dem unterirdischen Verlauf des kleinen Bachs, den er ja neben der Straße gesehen habe. Das Wasser sei sehr gut, und weil der Brunnen so tief und das Wasser immer fließe, wäre es auch im heißen Sommer schön kühl. Dankend nahm er die Einladung an und trug die Tasche und den Sack in das Haus, freundlich und neugierig von dem Hund beschnüffelt.
In der Küche war es angenehm kühl, jedenfalls im Vergleich zu der Hitze draußen. Der Fußboden war in der Tat in einem sehr schlechten Zustand, uneben, mit vielen Löchern übersät, die reinsten Stolperfallen. Die Frau ging zum Herd, schaute hinein, stellte befriedigt fest, dass immer noch Glut vorhanden war, steckte ein paar Holzscheite hinein und stellte einen Topf mit Wasser auf die rußige Platte. Sie würde immer mit Holz kochen, erläuterte sie, das Gas, sie deutete auf die große Stahlflasche neben dem Herd, sei teuer und schlecht anzuliefern, mit dem Gas müsse sie sparsam umgehen, aber Holz gebe es hier auf dem Berg, sie sagte montana, also Gebirge, genug. Elektrizität gäbe es auch keine, sie müsse sich in ihrem Verhalten nach der Sonne richten. Sie habe zwar einen kleinen Generator, aber selten Benzin, das sei zu teuer und eigentlich auch nicht nötig. Für den Notfall seien eine große Taschenlampe und ein paar Kerzen im Haus. Der Kühlschrank sei sowieso meistens leer und brauche deswegen keinen Strom. Und das Wasser, wie schon gesagt, käme aus dem Brunnen. Wenn sie etwas kühl aufbewahren müsse, Butter oder Eier oder gar Fleisch, das sie nur selten im Haus habe, würde sie es in den Schöpfeimer legen und bis zur Wasseroberfläche hinab lassen, das sei sogar besser als in einem Kühlschrank, weil da kein Stromausfall vorkommen könne. Er solle mitkommen und sich den Brunnen anschauen, er befände sich mitten im Hof. Der Hof war eine braune, staubige Fläche, auf der einen Seite stand die Hütte, auf der anderen ein Garten mit Gemüse, der Rest wurde vom Kaktuszaun begrenzt. Der breite Rand des Brunnens war aus groben Steinen gemauert und einen guten Meter hoch, die Brunnenöffnung war mit breiten Brettern abgedeckt. Über dem Brunnen war ein Gestell mit einer Winde angebracht, auf der Abdeckung stand ein Eimer mit einem Seil, neben dem Brunnen ein altes, verrostetes Ölfass, das ebenfalls abgedeckt war und ein paar bunte Plastikschüsseln. Die Frau entfernte die Hälfte der Abdeckung, nahm den Eimer und ließ ihn langsam den Schacht hinab gleiten. Irgendwann hörte er ein Plätschern und sah, wie das Seil sich entspannte. Er solle hineinschauen, ob er das Wasser sehe, forderte sie ihn auf. Er tat es und sagte, es sei zu dunkel, um etwas zu sehen. Ja, meinte sie, der Brunnen sei mehr als zehn Meter tief und das Wasser, betonte sie noch einmal, sei immer sehr gut und sehr frisch, viel besser als das im Dorf oder gar die trübe, giftige Brühe in der Stadt. Sie drehte die Kurbel der Winde, und als der Eimer oben angekommen war, stellte sie ihn auf den Rand. Dann nahm sie ein Glas, das ebenfalls auf dem Brunnenrand stand, füllte es und reichte es ihm. Er trank das Glas auf einen Zug leer. Das Wasser war in der Tat köstlich und erfrischen. Danach bediente sich auch die Frau.

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