Bums mit Folgen

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Bums mit Folgen

Bums mit Folgen

Sven Solge

Petra zitterten die Beine, als sie ihr neues Fahrrad abstellte, den Ständer ausklappte und sich dann mit einem tiefen Seufzer auf der Bank niederließ.
Sie hatte sich zum ersten Mal nach ihrem Unfall vor 12 Monaten, wieder aufs Fahrrad gewagt.
Der Schock saß noch zu tief.
-*-
Noch heute wachte sie nachts ab und zu schweißgebadet auf, weil sie wieder das Quietschen der Reifen hörte oder den dumpfen Aufprall spürte, als sie auf der Motorhaube landete. Danach war alles nur noch dunkel und verschwommen.
Als sie nach zwei Tagen aus ihrer tiefen Ohnmacht erwachte, wusste sie nicht, wo sie war. Ihr Kopf dröhnte fürchterlich und als sie ihren rechten Arm anheben wollte, ging das irgendwie nicht.
Wenn sie ihren Kopf anhob, wurde ihr schlecht, sodass sie sich aufstöhnend sofort wieder zurücklegen musste.
„Ganz ruhig, besser nicht bewegen!“, hörte sie eine sanfte Stimme und schon nahm sie wieder die Dunkelheit gefangen.
Als sie das nächste Mal erwachte, war die sanfte Stimme wieder da: „Hallo Petra, endlich wieder da?“
„Wo bin ich, wollte sie fragen, aber der Mund gehorchte ihr nicht. Nur ein schwaches Zischen, brachte sie hervor.
„Warten sie, ich gebe ihnen was zu trinken!“
Sie spürte, wie ihr etwas an den Mund gehalten wurde und etwas Kühles über die Zunge lief. Gierig begann sie zu trinken, wurde aber sofort von der sanften Stimme gebremst: „Nicht so hastig, befeuchte erst mal den Mund und die Lippen.
Petra tat wie ihr geheißen. Leckte nach dem nächsten Schluck über ihre Lippen und spülte kurz die Flüssigkeit im Mund herum, bevor sie runterschluckte.
„Wo bin ich hier?“, konnte sie endlich artikulieren.
„Sie sind im Krankenhaus, sie hatten einen schweren Unfall mit dem Fahrrad. Wird aber alles wieder gut!“
„Aber wie komme ich hier her?“, fragte sie noch, überflüssiger Weise, doch ihr Verstand war noch nicht ganz wach. Zu viel stürmte auf einmal auf sie ein, denn langsam erinnerte sie sich. Sie sah einen roten Schatten, der plötzlich neben ihr auftauchte und dann der heftige Schlag gegen ihren Kopf, war alles was ihr noch bewusst war. Danach kam nur noch Schwärze!
„Sie wurden von einem jungen Mann angefahren!“, erläuterte die sanfte Stimme. „Alex kommt jeden Tag und besucht sie und fragt, wie es Ihnen geht. Er hat sich sehr liebevoll um sie gekümmert.“
„Wer ist Alex?“, fragte Petra, etwas ratlos.
„Alex ist ihr Unfallgegner! Er hat dafür gesorgt, dass sie ins Krankenhaus kommen. Sie haben eine schwere Gehirnerschütterung, sie können froh sein, dass sie einen Helm getragen haben, sonst wären sie jetzt wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Der Aufprall auf die Windschutzscheibe muss heftig gewesen sein, denn nicht nur ihr Helm ist kaputt gegangen, auch die Scheibe ist zersplittert.“
Petra schaute die Frau mit der sanften Stimme an, offenbar eine Krankenschwester, nach ihrem Kittel zu urteilen. Auf ihrem Namensschild stand „Oberschwester Irene“
„Was ist mit meinem Arm? Können sie den bitte losbinden!“
Die Schwester lächelte sie an: „Ihr Arm ist nicht angebunden, er ist gebrochen und wurde eingegipst.“
Petra schaute auf ihren Arm und entdeckte erst jetzt den weißen Gipsverband. Weil der Arm jetzt so schwer war, hatte sie gedacht, dass er angebunden sei.
„Habe ich noch mehr Verletzungen?“, fragte sie.
„Nur noch leichte Prellungen an der rechten Hüfte, ansonsten haben sie viel Glück gehabt. Sollen wir ihre Eltern oder ihren Freund benachrichtigen, wir haben leider niemanden gefunden, der ihnen nahesteht?“
Petra schüttelte den Kopf: „Meine Eltern leben nicht mehr und einen Freund habe ich auch nicht. Wo ist mein Handy?“, fragte sie plötzlich, weil ihr bewusst wurde, dass es da, doch jemanden gab der sich Sorgen machen würde.
„Liegt alles im Schrank, warten sie ich hole es!“
Die Schwester reichte ihr die kleine Tasche, die sie immer bei sich trug, wenn sie mit dem Rad unterwegs war. Darin bewahrte sie alle nötigen Dokumente auf und eben auch ihr Handy.
Mit ihrer freien, linken Hand die Tasche zu öffnen, gelang nach einiger Zeit. Als sie das Handy gestartet hatte ploppten gleich mehrere Nachrichten auf und auch ihre Schwester hatte mehrfach angerufen.
Sie tippte die Nummer an und wenig später meldete sich mit aufgeregter Stimme ihre Schwester: „Petra wo bist du? Warum meldest du dich nicht?“
Petra berichtete von ihrem Unfall und dass sie einige Tage besinnungslos war.
„Es geht mir aber so weit gut!“
Und als ihre Schwester sich sofort auf den Weg machen wollte bremste Petra sie: „Du brauchst nicht zu kommen, mir geht es gut und hier im Krankenhaus kümmert man sich hervorragend um mich. Ich melde mich, wenn ich Hilfe brauche. Knuddel die Kleinen von mir!“
Petra erledigte noch einen Anruf in ihrer Firma, die sich natürlich auch schon Sorgen gemacht hatten.
Dann legte sie sich zurück und war wenig später erneut eingeschlafen, dieses Mal aber war es ein Genesungsschlaf.
Ein leises Klopfen an der Tür weckte sie. Vorsichtig wurde die Tür geöffnet und ein männliches Gesicht lugte um das Türblatt herum.
„Darf ich reinkommen?“
Petra sagte nichts, versuchte nur sich etwas aufzurichten. Der Mann, der jetzt in ihr Zimmer trat, war wohl der heißeste Typ, den sie je gesehen hatte. Sehr groß, denn er zog etwas den Kopf ein, als er durch die Türöffnung trat. Dunkelbraune, lockige Haare, einen dunklen Kinnbart, breite Schultern und eine schmale Taille. Als er sah, dass es ihr nicht gelang sich aufzurichten, stand er plötzlich an ihrem Bett, schnappte sich die Fernbedienung und ließ das Kopfteil etwas hochfahren.
„Gut so?“, fragte er, als das Kopfteil einen gewissen Grad erreicht hatte.
„Ja, danke!“, erwiderte Petra, noch etwas von seinem Anblick gefangen.
„Ich bin Alex!
Ich bin der Blödmann, der dir das hier eingebrockt hat.“ Er deute auf Petras Arm und ihren Kopf! „Es tut mir unsagbar leid, wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen, aber das geht leider nicht. Deshalb biete ich dir jegliche Hilfe an, die du benötigst. Für den Materiellen Schaden kommt natürlich meine Versicherung auf“
Er kam Petra immer näher und als er sie auf einmal links und rechts auf die Wange küsste, schloss sie unwillkürlich die Augen und sog tief seinen männlichen Duft ein. Ihr Herz raste, als er sich wieder aufrichtet, wobei sie ihn am liebsten festgehalten hätte, so intensiv war dieser Geruch, den er verströmte.
Wie selbstverständlich zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich an ihre linke Seite und nahm ihre Hand und umschloss zärtlich ihre Finger. Die Wärme seiner Hand wanderte langsam ihren Arm hoch, über die Schulter bis zu ihrem Herzen und ließ es etwas stolpern.
„Wie geht es dir?“ Hörte sie seine Stimme, war aber immer noch gefangen von den Emotionen, die durch ihren Körper rasten. Träumte sie, oder war es real, dass dieser Mann an ihrem Bett saß und sie gerade auf die Wange geküsst hatte?
„Ist dir noch schlecht nach dem heftigen Aufprall, auf die Windschutzscheibe? Es war ein unglaublich lauter Knall, als dein Helm dagegen prallte. Ich habe dich nicht gesehen und weiß bis heute nicht, wo du so plötzlich hergekommen bist?“
Petra schüttelte vorsichtig ihren Kopf, darauf bedacht keine neue Übelkeit zu erzeugen. „Wenn ich still liege geht’s mir ganz gut. Ich bin erst seit gestern aus meiner Besinnungslosigkeit erwacht und kann mich an den Unfall kaum erinnern. Hast du ein rotes Auto?“, fragte sie Alex abrupt.
„Ja, einen roten Audi! Dann hast du ja doch was mitbekommen!“, stellte er überrascht fest.
„Nur einen roten Schatten habe ich gesehen und quietschende Reifen gehört und dann war alles dunkel.“
Petra schaute auf seine Hand, die unablässig ihre Finger streichelte: „Schwester Irene hat mir erzählt, dass du dich sehr liebevoll um mich gekümmert hast und jeden Tag hier gewesen bist. Warum war dir das so wichtig?“    
Alex hob ihre Hand hoch und presste sie an seine Lippen: „Weil ich anfangs gedacht habe du bist Tod. Ich habe nicht daran gedacht, dass der Radweg an dieser Querstraße in beide Richtungen funktioniert. Habe deshalb nur nach links geschaut und als ich dich dann sah, war es schon zu spät. Es knallte fürchterlich und ich habe sofort eine Vollbremsung gemacht, dabei bist du in hohem Bogen von der Motorhaube geflogen und vor dem Wagen auf den Boden aufgeschlagen. Ich war wie im Schock wusste überhaupt nicht was geschehen war. Als ich dich auf dem Boden liegen sah, nachdem ich ausgestiegen war, wurde mir erst bewusst was gerade passiert war. Dein Gesicht war so blass und ich habe wirklich gedacht, ich hätte dich umgebracht. Ein Mann und eine Frau kümmerten sich um dich und eine andere Frau redete ununterbrochen auf mich ein, um mich zu trösten. Dann kamen der Krankenwagen und die Polizei, aber das alles lief wie ein Film neben mir ab.“
Er küsste erneut Petras Hand und als er seinen Kopf wieder hob, sagte er: „Ich bin so froh, dass es so glimpflich abgegangen ist und du wieder ganz in Ordnung kommst. Ich habe jeden Tag an deinem Bett gesessen, deine Hand gehalten und mit dir gesprochen. Schwester Irene wollte mich anfangs gar nicht zu dir lassen, weil ich kein Angehöriger bin. Doch da sie keinen aus deinem Bekanntenkreis finden konnten, habe ich etwas gelogen und behauptet, dass ich dich vom Ansehen kenne und wir uns schon öfters beim Radfahren getroffen haben.“
Jetzt musste Petra doch etwas Lachen: „Die Lüge sei dir verziehen, aber nur wenn du weiterhin jeden Tag kommst und mich wieder aufbaust, denn ich muss ja sehr unter den Folgen des Unfalls leiden!“
„Darf ich?“, fragte Alex überrascht. „Ich habe mich sehr davor gefürchtet, dass du mir böse bist, wenn du aufwachst und mich zum Teufel jagst.“ Er hob ihre Hand hoch und schmiegte seine Wange in ihre Handfläche, dabei fühlte sie seinen weichen Bart.
Dieses Verhalten erzeugte in Petra ein eigenartiges Gefühl. Was veranlasste ihn ihre Hand zu küssen, oder sie an seine Wange zu halten? Auch die Begrüßung war nicht die eines Fremden gewesen. Konnte da mehr sein als nur das schlechte Gewissen?
Ok, es war ihr durchaus nicht unangenehm, wie er sich verhielt, aber so wie er aussah hatte er bestimmt eine Freundin oder war sogar verheiratet. Einen Ring hatte er jedenfalls nicht am Finger, aber das hatte in der heutigen Zeit nichts zu bedeuten.
Es klopfte und kurz darauf betrat Schwester Irene das Zimmer: „Ach Alex du bist ja schon da!“, begrüßte sie Petras Besucher, wie einen alten Bekannten. „Ich wollte gleich bei dir Anrufen und dir mitteilen, dass Petra aufgewacht ist.“ Als sie sah, dass Alex Petras Hand hielt, schmunzelte sie etwas in sich hinein. Hatte sie es doch geahnt, die beiden, schönen Menschen passten einfach perfekt zusammen.
„Ich sehe, Petra hat dir deinen Fehler schon verziehen!“ Nickte dabei in Richtung seiner Hand.
„Ja, hat sie!“, sagte er. „Aber nur unter der Bedingung, dass ich jeden Tag herkomme und ihre Hand halte, bis sie wieder genesen ist!“
Jetzt lachte Schwester Irene doch laut: „Und diese Bedingung erfüllst du natürlich sehr gerne!“
An Petra gewandt, sagte sie: „Ich muss bei dir Fieber messen und deinen Gips kontrollieren, soll Alex solange das Zimmer verlassen?“
Alex hatte sich schon erhoben, um rauszugehen, doch Petra meinte: „Meinetwegen kannst du bleiben!“
Alex nickte, stellte sich aber ans Fenster und wandte ihnen den Rücken zu.
Kein Fieber und die Finger am Gips wurden gut durchblutet, stellte die Schwester fest und verabschiedete sich von Alex.
-*-
Die Zeit verging und für Petra war der Tag erfüllt mit dem Warten auf Alex. Unbeschreibliche Glücksgefühle rauschten bei ihr jedes Mal durch den Körper, wenn er ins Zimmer kam. Nach seinen zärtlichen Begrüßungsküsschen sehnte sie sich förmlich.
Allerdings hatte sie heute eine traurige Nachricht für ihn! Bei der Visite hatte der Stationsarzt ihr mitgeteilt, dass sie am nächsten Tag entlassen werden sollte.
Was wenn sie jetzt Alex nicht mehr sehen würde? Daran mochte sie gar nicht denken.
Als Alex am späten Nachmittag endlich auftauchte, war sie schon beunruhigt, weil er sonst immer um die Mittagszeit kam. Ohne, dass Petra etwas gesagt hatte, entschuldigte er sein zu spät kommen: „Ich musste noch etwas besorgen und das hat länger gedauert als ich gedacht habe.“

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