Buzet

Geschichten vom Anfang der Sehnsucht

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Zum zweiten Mal legten wir nun an im Hafen von Buzet. Das ist kein Yachthafen an der Cote Azur, denn schwankender Boden und wahres Heldentum ist nicht meine Sache, sondern ein kleiner Hafen für Hausboote an einem kleinen Flüsschen im südwestfranzösischen Aquitanien.

Wir hatten diese Flußfahrt nach einem vergnüglichen Bericht in einer Zeitschrift ausgesucht, damit wir unserem Sohnemann endlich mal einen etwas anderen, interessanteren Urlaub bieten konnten, ohne auf seine Wünsche wirklich eingehen zu müssen — Ballermann 6 war damals der Inbegriff von Aufregung und Kurzweil für Teenager, und das wollten wir uns wirklich nicht antun.

Die — rein französische — Einweisung in die technischen Funktionen des Bootes einschließlich Probefahrt und Anlegen in Form eines mittleren Crashs sowie Erklären der Funktionsweise von Ofen, Dusche und Toilette hatte knapp 20 Minuten gedauert und dann hieß es: Bon voyage!

Die Widrigkeiten der Schleusenbewältigung auf einem engen Flüsschen — wie einfach ist das für den Anfänger noch auf dem gleichmäßig geformten Canal — und des Anlegens in kleinen Dorfhäfen seien dahingestellt. Für uns Dilettanten war es ein Abenteuer und für unsere Aufregungen wurden wir entschädigt durch Anblicke von Eisvögeln und Reihern in Scharen und endlosem, üppigem Grün. Für Einkäufe und Erkundungen hatten wir Fahrräder an Bord und Sohnemann angelte in fischreichen Gewässern. In jedem Nest, in dem wir halt machten, gab es diese vorzüglichen Restaurants mit erlesener Landesküche und unsere Abende feierten wir nobler als es eigentlich das Budget erlaubt hätte, ja, wie Gott in Frankreich eben. Als Resümee ist festzuhalten, es handelte sich um den Urlaub mit den wenigsten familiären Konflikten — trotz mancher Widrigkeiten.

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Generell heißt es ja, Ehemänner erhofften sich von Urlaubsentspannung auch eine etwas höhere Frequenz erotischer Zuwendungen ihrer Angetrauten. Ich für meinen Teil muß gestehen, hege diese Hoffnungen zwar in abstrakter Form, erkenne aber bereits zu Beginn unverzüglich an wenigen markanten Punkten die — meist bedauerliche — Tendenz der kommenden Tage. Es dauert lange, bis sich meine Herzdame an neuen Orten so heimisch fühlt, dass sie lustvolle Unternehmungen startet und findet sie ein Hotelzimmer nicht wirklich klinisch rein vor oder einfach nicht ansprechend, ist die Sache schon gelaufen für die ersten Tage oder auch den Rest. Etwas unkomplizierter ist für sie Camping, da sie dann ja in den eigenen Sachen liegt, allerdings stört so eine dünne Tuchwand, sich gehen zu lassen, denn dabei leise zu sein ist nicht unbedingt ihre Sache. Erschwerend hinzu kamen lange Zeit Kindleins unruhiger Schlaf und Ängste in der Fremde, so dass ich mich meist betrübt darauf einzustellen hatte, dass ein Urlaub sehr schön sein kann, aber nicht unbedingt ein Quell erotischer Wiederbelebung des Ehelebens.

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Es hatte sich verändert mit den Jahren. Ihre Sehnsucht nach Nähe war zunehmend dem — ehrlichen — Bedürfnis gewichen, ich möge in der Nähe sein. Und zunehmend hatte ich das Gefühl, ich sollte ihr wohl auch nicht allzu oft allzu nahe kommen.

Vom Liebhaber wurde ich so zum Geliebten, hatte wirklich den festen Platz in ihrem Leben, den ich mir ersehnt hatte. Aber damit schränkte sich unerwartet die Bandbreite meiner Gestaltungsmöglichkeiten zunehmend ein. Aufzubrechen, was sie sich als feste, angenehme Form ihres Lebens schuf, brachte Schmerz und Verletzung, und das macht der Liebende dann auch nicht ohne große Not und fügt sich, wenn es ihm irgend möglich ist.

Dies gelingt zu manchen Zeiten, und ein gutes Leben läßt einen durchaus auch unbeschwert umgehen mit dem, was eigentlich schwer wiegt - und zu machen Zeiten nicht.

Ratlos, rastlos, ruhelos möchte ich dann den Tag ausknipsen wie das Licht und manchmal mit ihm mein Leben, wenn sich schon niemand findet, mir den Schmerz meiner Seele aus dem Rücken zu peitschen.

Diese düsteren Gefühle stehen dann in mein Gesicht geschrieben, ihr zum Anlaß, in Verzweiflung ratlos zu sein, wo irgendein Hauch von Entgegenkommen, Mitgefühl, Trost schon reichen würde, um mich zu erlösen von meiner Qual.

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Trotz einer gewissen Gewissheit um die Aussichtslosigkeit mancher Hoffnungen waren die Tage in Frankreich leicht und heiter, die Nächte im Boot hingegen etwas klamm, die Buchten in freier Landschaft gespenstisch und der Fluß angesichts des nahenden Herbstes schon etwas verlassen. Zu allem Überfluß befand sich der erste Band von Harry Potter an Bord — die Lust hatte also ebenfalls Urlaub und ich ergab mich in mein Schicksal und genoß, was sich mir freiwillig hingab: eine wunderbare Natur, Stille, köstliches Essen — schließlich auch ein sinnlicher Genuß—, freundliche Einheimische und die Bedeutungslosigkeit der Zeit.

Dazu den Blick des absichtslosen Begehrens auf meine Liebste, hinreißend schön, doch unerreichbar.

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Was ich auch beginne, mündet zumindest phasenweise in einer kleinen bis mittleren Katastrophe, das stimmt immer bei meinen häuslichen Baumaßnahmen wie auch bei den Versuchen, mal selbst Vater zu werden, und leider noch oft genug bei unseren Urlaubsreisen. Mal abgesehen davon, dass ich einmal in jedem Urlaub meine Familie zielstrebig in die Irre führe, wurde bisher stets, wenn wir mal ein etwas Besonderes unternehmen wollen, Kindlein krank, und dann ging’s einen guten Teil des Urlaubs um Krisenmanagement und die Fragen Ausharren, Abbruch, Heimreise?

Nein, ich bin sicher, es lag nicht am Essen, denn meine Liebste hatte ohne Folgen für ihr Wohlbefinden das selbe Gericht gewählt, und doch war es wieder so weit: Sohnemann gab alles von sich, ohne es bis zur Bordtoilette geschafft zu haben. In solchen Situationen streckt meine Göttergattin stets die Waffen, weshalb ich den Rest meiner Nacht mit der Wiederherstellung zivilisatorisch angemessener hygienischer Verhältnisse verbrachte. Am Morgen machte ich mich auf die Suche nach einer Apotheke, ungeduscht und unrasiert, denn die hervorragend gepflegte kommunale Anlage war noch nicht geöffnet und die Dusche an Bord eine Prüfung.

Stets bin etwas aufgeregt, wenn ich ein Geschäft betrete und mich in der Landessprache bewähren muß, radebrechend meist, denn wer beherrscht eine Sprache schon wirklich, selbst wenn er Unterricht in ihr genoß. Bei mir jedenfalls wiederholt sich stets dasselbe, für meine Familie amüsante, für mich aber etwas anstrengende Missverständnis: mein Anliegen habe ich geraume Zeit in mir vorbereitet, meine Formulierungen nach den vorhandenen Kenntnissen vorbereitet, wenn ich mich an mein ortsansässiges Gegenüber wende, welches dann schlussfolgert, ich beherrschte die Sprache, und in der Regel unbefangen wie ein Wasserfall zu antworten beginnt. Dann muß ich klarstellen, dass ich auf eine langsame, prägnante Darstellung angewiesen bin, die mir erlaubt, nachzudenken, einzuordnen, zu verstehen. Meist erfahre ich dabei freundliches Entgegenkommen, da wir uns vorzugsweise in provinziellen Gegenden bewegen, wo die Menschen dankbar sind für Abwechslung durch Touristen und sich diese Zeit gern nehmen.

Eine wunderschöne Apothekerin, schlank, mit schulterlangem, blonden Haar, bemühte sich ernsthaft, für den jungen Mann die angemessene Medikation zusammenzustellen und mir die korrekte Anwendung gesichert zu vermitteln. In dieser Anstrengung streckten wir uns beide über den Verkaufstresen und kamen uns näher, als dies sonst üblich wäre. In meine Panik, wie sie mich in meinem hygienischen Zustand wohl empfinden würde, mischte sich ein anregendes Wohlgefühl und meine vernachlässigte Seele — wie auch mein in selbigem Status befindlicher Körper — empfanden das ehrliche Bemühen dieser attraktiven Frau als ein Werben um mich, wenngleich der Verstand schon richtig stellte, dass es nur meiner Sorge um unseren Sohn galt.

Mein aufrichtiger Dank zauberte ein zufriedenes Lächeln auf ihr Gesicht und ich gebe zu, durch das Schaufenster suchte ich sie noch einmal zu sehen. Manchmal spürt man, dass man mit Interesse betrachtet wird, und tatsächlich trafen sich unsere Blicke. Damit bekam die Begegnung eine Note, die über den Anlaß hinausging, wir beide wussten es.

Jeder von uns hat dies schon irgendwann erlebt, diesen Moment, diesen Augen-Blick des absoluten Erkennens, wenn Blicke sich treffen und nicht mehr voneinander lösen, sondern einander durchdringen in der Gewissheit: Ich weiß, dass Du weißt, dass ich weiß!

Ich habe sie nie wieder gesehen. Diesen bewussten Moment aber erinnere ich, als wäre es eben erst geschehen.

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Die Medikamente halfen und angesichts der fortgeschrittenen Woche mussten wir unsere Rückreise zum Ausgangshafen antreten. Buzet sollte unser nächstes Nachtquartier sein.

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Ja, das Rammen der Kaimauer, Anlegen konnte man das ja nicht nennen, zog die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Wir waren unverzüglich bekannt und durchschaut. Das traf mich mehr als meine Liebste, denn Männer wären gern Helden und nicht nur Vaddi, der an lächerlichen Aufgaben schon scheitert.

Im Ort gab es die nötigen Lebensmittelläden, ein Cafe und zwei Restaurants, so dass wir hier bleiben wollten. Es war zwar erst vor Mittag und wir hätten es sicher noch bis Abend durch die nächsten Schleusen geschafft, aber dann hätten wir auch wieder auf einsamer Flur übernachtet und danach war meinen beiden nicht mehr so sehr.

Nach kurzer Regelung der Formalitäten und einem Kaffee an der Bretterbar am Kai, sonnte sich meine Liebste auf dem Deck und versank in ihr Buch. Kindlein, in das die Lebensgeister zurückgekehrt waren, angelte mit dem Barmann Forellen, die er dann als spätes Mittagessen zubereiten wollte. Ich fotografierte meine hinreißende Gattin — etwas wehmütig — und Sohnemann mit neuem Kumpel, mit dem er sich ohne verbale Austauschmöglichkeiten dennoch erkennbar gut verstand.

Ich hingegen hasse es, in der Sonne zu liegen, und selten lese ich im Urlaub mehr als Reise- und Sprachführer, es drängt mich, das Land zu sehen, in mich aufzusaugen, und so begebe ich mich in diesen Ruhestunden meist auf Erkundung. Telefonkarten, Briefmarken, Getränke zu besorgen ist ohnehin meine Aufgabe. Dies nutze ich meist, um ausgedehnt durch abgelegene Gassen zu streifen, kleine Plätzchen, lauschige Ruheorte in Parks oder am Fluß zu entdecken, die ich dann später ohne die zuvor unvermeidbaren lrrwege mit meiner Liebsten ansteuern kann. Das hatte ich auch an diesem Tag vor.
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Meine Einkäufe hatte ich alsbald erledigt und nach der kleinen Runde in der Mittagshitze durch den höher gelegenen Teil des Ortes kam ich auf meinem Weg zurück über den Stadtplatz am Cafe vorbei. Da mich sicher noch niemand vermisste, entschloß ich mich zu einem kurzen Aufenthalt für einen kühlen Aperitiv, um ein wenig meine Zeitung und das gemächliche Treiben auf dem Stadtplatz zu studieren.
Ich war bislang der einzige Gast und da ich nicht sicher war, ob überhaupt geöffnet wäre, setzte ich mich nicht sofort an einen Tisch auf dem Vorplatz, sondern betrat den Innenraum durch den Vorhang aus Holzperlen, die es dem Stechgetier schwerer machen sollten, ins Innere zu dringen.

Der Gastraum war ein dunkler, großzügiger Raum, an dessen Seite sich vom Eingang bis fast zum rückwärtigen Ende ein hoher, von Barhockern gesäumter Tresen erstreckte.

Meine Augen brauchten einen Moment, um sich von der gleißenden Sonne auf das Dunkel im Innern einzustellen, dann sah ich sie. Sie reckte sich gerade vom Gastraum her über den Tresen, um auf der Theke etwas zu suchen, ein im wahrsten Sinne des Wortes Reiz-voller Anblick. Sie bemerkte mich und fragte mich höflich, was ich wünsche.

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Das erste Mal hatte ich sie gesehen, als wir einige Tage vorher auf der Hinreise hier im Ort Station gemacht hatten. Wir warteten auf das abendliche Öffnen der Speiselokale und ich nutzte die Zeit noch, um auf dem Vorderdeck herumliegendes Angelzeug und Badesachen von Bootsgerätschaften und Seilen zu trennen, als ich ein eigenartiges, kehliges Trällern von der nördlich des Hafens gelegenen Brücke über den Fluß her vernahm.

Über die abschüssige Wiese schritt eine schwarzhaarige Schönheit vermutlich arabischer Abstammung in meine Richtung und lockte mit ihrem Gesang eine Schar von Enten zur Fütterung. Sie tat dies nicht wie eine Bäuerin, sie war ihre mütterliche Freundin und gütige Herrin, scharte die Tiere um sich, neigte sich einzelnen von Angesicht zu Angesicht zu, als freuten sie sich über ihr Wiedersehen. Auf der Wiese hinter der Bar streute sie Körner aus und jede ihrer Bewegungen war voller Anmut.

Dem Betrachter offenbarte sich eine nahezu perfekte Figur in sommerlich spärlicher Bekleidung und ein Gesicht von außergewöhnlicher Schönheit mit tiefen, dunklen, ernsten Augen. Ihre ruhigen, ohne jegliche Hast verrichteten Bewegungen im Licht der Abendsonne erschienen wie in Zeitlupe und verliehen dem Moment einen Hauch von Ewigkeit.

Dann betrat sie die etwas schäbige Bar und küsste zur Begrüßung den Barmann. Ihr Freund, Geliebter, Mann, oder wie sie ihn nennen mochte, war nicht annähernd so attraktiv wie sie, aber energiegeladen und hatte eine freundliche, offene Art. Und mir fiel auf, mehr als er ihre suchte sie seine Berührung.

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Hier stand ich also, das Cafe war vermutlich der Hauptgeschäftssitz der arabischen Schönheit, und brachte meinen an sich einfachen Wunsch unsicherer vor, als dies nötig gewesen wäre. Ich suchte meine Faszination zwar zu verbergen, aber ich konnte meinen Blick nicht wirklich abwenden von ihr. Sie wies mir mit der Rechten einen Platz an der Bar zu und ich kam gar nicht auf die Idee, das Getränk auf die Terrasse zu bestellen, sondern setzte mich. Als sie um den Tresen hinter die Theke ging, kreuzte ihr ernster Blick den meinen, zu viel Gewissheit über meine Regungen las ich aus ihm und irritiert davon bereute ich irgendwie, hierher gekommen zu sein, obwohl sie doch höflich war und ich nur diesen Platz hätte ablehnen müssen. Aber gebannt war mein Blick an sie gefesselt, eine Frau wie sie hatte meinen Blick erfasst, erwidert und nicht abgewandt, dieser Blick, den meine Liebste ebenfalls kannte, aber nicht mehr oft erwiderte, verlängerte, intensivierte, verwandelte.

Die schwarzen Locken waren hochgebunden und der Pferdeschwanz in seiner wallenden Pracht thronte zwischen ihren spärlich bedeckten Schulterblättern, als sie den Kühlschrank an der Wand öffnete und mir den Aperitiv mixte.

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Auf dem Fluß war viel los, in der Gegend selbst mitnichten, wie wir auf unseren Fahrradausflügen stets feststellen konnten, und die radfahrenden Bootfahrer waren überall willkommen. Hierbei handelte es sich um Paare, jüngere oder ältere, und Familien, jüngere oder ältere. Abenteurer, Helden, harte Männer waren unter ihnen schwerlich auszumachen.

Wie viele von diesen braven, gebundenen und wohl meist auch treuen Ehemännern hatten diese Frau schon mit ihren Blicken begehrt? Mehr noch als ihre atemberaubende Schönheit schlug ihre Ausstrahlung ihre Souveränität, ihr natürlicher und absolut unblasierter Stolz in den Bann.

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Meinen Wunsch nach einem fruchtig-kühlen Getränk mit nur wenig Alkohol hatte sie mit einem fragenden Hochziehen der Augebrauen kommentiert und nun stellte sie mir das schlanke, sich in der Hitze beschlagende Glas hin und wiederholte meine Worte in exakt meinem Tonfall, so dass ich etwas erschrak, weil sie mich zu verspotten schien. Sie hatte sich bereits umgedreht und ging Richtung Ende des Tresens, so dass ich glaubte, sie würde sich wieder ihrer Arbeit zuwenden. Gerade, als ich das Glas ansetzen wollte, bemerkte ich aus den Augenwinkeln, dass sie den Tresen umrundet hatte und auf mich zu kam. Mein Herz schlug bis zum Hals und ich fühlte mich zunehmend unwohl, wie ein Trottel, wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte, in die ich mich begeben hatte und wusste vor allem nicht, was mich an diesen Barhocker gefesselt hielt, warum ich nicht aufstand und mich nach draußen setzte.

Nun, mein Gefühl wusste eigentlich genau Bescheid und das waren im Ansatz schon ehewidrige Regungen. Diese stellten sich, wie bei allen über die Zeit vernachlässigten Lustgeplagten zwar auch bei mir gelegentlich ein, aber ich machte sie nie öffentlich, nie erkenn- oder durchschaubar, ich suchte nie den Flirt, den ich ohnehin nicht vertiefen wollte, und vermied eine objektive Gefahr oder Versuchung, der zu widerstehen ich fest entschlossen war.

Wurde es jetzt ernst? Ich konnte es mir eigentlich nicht vorstellen, aber ich war erregt, meine Knie zitterten, mein Kopf war heiß, als sie sich an die Bar setzte, zwischen uns nur zwei leere Barhocker Abstand, und meine Augen suchte. Ihre aufrechte Körperhaltung brachte ihr wunderschönes Gesicht, ihr wallendes Haar, ihren nackten gebräunten Hals, ihre Brüste unter ihrem ärmellosen, einer schmalen Weste ähnlichen, zur knielangen dunkelbraunen Sommerhose gehörenden Oberteil, ihre Hüften, ihren gesamten Körper wirkungsvoll zur Geltung.

War es eine Machtprobe, wollte sie mir beweisen, dass ich es nicht wagen würde, sie als Frau anzusprechen, meine Gefühle zu offenbaren, die ich gar nicht wollte und doch nicht unterdrücken konnte, weidete sie sich daran, dass ich mich ihrer Aura nicht entziehen konnte?

Das empfand ich, als sie mich ansprach. Anders als in der Bar am Hafen sprach sie nun sehr langsam und sehr deutlich, wohl um sicherzustellen, dass ich alles auch wirklich verstehe, und ihre Hände wiesen, wo irgend es ging, auf das, wovon sie sprach.

Deine Augen, sagte sie, sprechen von Begehren. Ich kenne Dich, seit ich zur Frau erwacht bin. Du bis der Mann, dessen Blick meinen Körper liebt und meine Seele sucht. Du dringst tiefer in mich ein als mancher, der mich wirklich lieben durfte. Und ich bin die Frau, die Dir gleich, meine Augen sehen Dein ungestilltes Verlangen, Deine Liebe, Deine Not. Dein Blick berührt mich und seelenverwandt kann ich ihn erwidern und weiß ohne Worte, was Dein Herz mir sagt.

Deine Augen liebkosen mein Haar, meine Wangen, meinen Nacken und verweilen mit Achtung auf meinen Brüsten, meinen Schenkeln, meinen Hüften, meinem Schoß. Doch spüre ich Deine Sehnsucht, die schon begann, bevor Du mich trafst, die Du lerntest zu verbergen und unverhofft mir zu offenbaren wagst.

Es sind nur drei Knöpfe und ein kleines Stückchen Stoff, um mein Geheimnis zu offenbaren, und Dein — und ich gebe zu, auch mein — Verlangen zumindest für den ersten Moment zu stillen. Doch wenn wir diese Grenze überschreiten, muß uns klar sein, welchen Preis wir dafür zahlen werden und ob wir dies wollen.

Ich habe einen Mann, der mich liebt, der mich begehrt und der mich achtet. Nach ihm sehne ich mich, auch wenn ich weiß, dass so viele Männer mich wollen. Ich frage mich, ob ich wirklich jede Möglichkeit nutzen wollte, die sich mir bietet.

Den Männern, die nicht meine Augen suchen, nur die Gestalt meines Brüste und meiner Gesäßbacken — de mes fesses, o welche Geste —‚ gewähre ich nicht einmal einen Blick meiner Augen, der sie irritieren könnte, denn in ihnen ist nur Gier, kein Begehren, und so wie sie ihre Frauen nicht mehr achten, achten sie auch mich nicht. Dass ich sie nicht zur Kenntnis nehme, mag ihnen vielleicht noch helfen, sich ungeniert ihrem Geifern hinzugeben, aber keinem gelingt es, sei er auch noch so plump, meine Aufmerksamkeit zu erregen, noch jeden habe ich erfolgreich in die Schranken gewiesen, mag er die Verteidigung meiner Selbstachtung auch als Hochmut ausgelegt haben.

Denen, die vielleicht noch die Schönheit meines Antlitzes genießen, gebe ich meist für einen Moment die Gelegenheit, mich als Person wahrzunehmen, dringt ihr Blick aber nicht in meine Seele, wende ich mich ab und es bleibt nur eine freundliche Begegnung in Unverbindlichkeit, die sie vergewissert, dass die Tür zu mir stets verschlossen bleiben wird.

Dir aber sage ich: Auch wenn das Feuer zwischen euch nicht mehr so brennt wie in dir, so verbindet euch dennoch ein festes Band, das verraten eure Blicke und Berührungen. Diesen Moment hat es auch zwischen euch einmal gegeben, und wenn du aufmerksam bist, wirst du ihn auch wieder finden.

Das Geheimnis der Traumfrau ist nicht, dass sie etwas Besonderes ist, sondern an ihrer Seite träumst du dich als einen anderen. Du weißt wie ich, du kannst in einem Moment nur einem Menschen in die Augen blicken. Und ein Blick bahnt den Weg für die Berührung, und dann ist es geschehen. Dein Blick sucht aber nicht die Flucht in ein anderes Leben, sondern die verlorene Leidenschaft.

Nach diesem poetischen Monolog und dem wunderbaren Wandern ihrer hinweisenden, offenen Hände stand sie auf, trat einen Schrift näher, neigte ihren Kopf und fragte mich: Was also sollen wir tun, um diesen Moment unsterblich zu machen?

Angestrengt und fasziniert hatte ich zugehört, mich zunehmend entspannt und gewünscht, es möge nie enden. Ich antwortete: Nichts. Es ist bereits geschehen.

Dann geh zu ihr und liebe sie, mit dem Feuer, das dir unverhofft wieder aufgeflammt ist. Träume dich an ihrer Seite als der, der du warst mit der Weisheit der Jahre, die du seither durchlebt hast.

Wir jedenfalls haben nichts getan, was wir bereuen müssten, was wir unseren Liebsten wirklich offenbaren müssten. Dennoch sind wir uns als Mann und Frau begegnet. Und Du wirst mich niemals vergessen, Dein ganzes Leben lang.

Dann verabschiedete sie sich, sagte, ich sei eingeladen und verschwand durch die rückwärtige Tür ins Treppenhaus.

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Als ich das Vorderdeck des Bootes betrat, fand ich meine Liebste schlafend. Ich setzte mich neben Sie und betrachtete sie, spürte ihre Schönheit und die Liebe der Jahre. Es würde weitergehen, was auch kommen mochte, und in diesen Gedanken versunken, empfand ich tiefes Glück.
Als sie erwachte, blickte sie direkt auf mich und sagte verschlafen lächelnd: Schön, dass Du da bist. Ja, sagte ich, schön, dass ich bei Dir bin.

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Abends schlenderten wir nach dem Restaurantbesuch Arm in Arm am Cafe vorbei, die arabische Schönheit servierte gerade auf der Terrasse. Als sie uns erblickte, winkte sie uns freundlich zu und ich hob kurz zum Gruß die Hand über der Schulter meiner Frau. Es war das erste Mal, dass ich sie hatte lächeln sehen.

Meine Liebste schmunzelte hintersinnig und fragte: Deine neue Freundin? Ja, sagte ich, eine neue Freundin. Wir hatten uns heute Mittag etwas unterhalten.

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Sie hatte gesagt: Du wirst mich niemals vergessen, Dein ganzes Leben lang. So ist es. Und ich kenne nicht mal ihren Namen.

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