Übermüdet und genervt war sie mit Freund, Hund und verbeultem VW-Bus auf dem Campingplatz angekommen. Wäre ich nicht zufällig ihr Nachbar gewesen, hätten sie ihr Zelt wohl nie aufgebaut und im Auto übernachten müssen. Sie beendeten kein einziges Gespräch, ohne sich zu beleidigen. Ich eilte hinzu und stiftete Frieden, indem ich wortlos beim Zeltaufbau half. Warum Hermine mit diesem Kerl zusammenlebte, habe ich nie verstanden.
Im vorletzten Sommer war sie nun schon zum dritten Mal mit ihrem inzwischen Angetrauten und ihrem Sohn in Le Paradis. Ihr Mann Dieter war überhaupt nicht mein Typ: Weichei, Müslifresser und Sozialapostel. Ihr Sohn hingegen war absolute Spitzenklasse: neugierig, witzig und verspielt.
Eine halbe Stunde vor dem unverhofften Abenteuer war Weichei mit dem Abwasch beschäftigt. Unsere Söhne ärgerten ein paar Mädchen. Sie jagten sie über den Campingplatz und beschmissen sie mit Wasserbomben. Also gingen Hermine und ich alleine unseren allabendlichen Pflichten nach. Der Vin Rouge, bester Freund des Sonnenuntergangs, wartete auf uns in der kleinen Kneipe auf der Düne.
Hermine war meine heimliche Liebe seit unserer ersten Begegnung. Ich hatte mich von Anfang an in ihre großen Mandelaugen, in ihre grazile Figur und in ihren runden Hintern verliebt. An jenem Abend wog sie mindestens zehn Kilo mehr, der Hintern hatte sich kallipygisch ausgedehnt, aber ich war auch nicht jünger geworden. Hermine lotste mich an der Bar vorbei in die Dünen hinein. Sie wollte das Naturschauspiel ohne angetrunkene Störenfriede genießen. Zudem wollte sie etwas mehr von mir, aber an so etwas zu denken, war ich weit entfernt – bis wenige Minuten vor dem unerwarteten Ereignis.
Hinter uns schrie jemand. Hermine löste sich und ergriff ihren Badeanzug. Ich drehte mich um. Zu spät, der Faust konnte ich nicht mehr ausweichen. Ich ging zu Boden und ein Körper warf sich auf mich. Hände umklammerten meinen Hals. Hermine schrie und schien auf den Angreifer einzuschlagen, denn der Druck auf meinen Hals wurde schwächer. Ich ergriff die fremden Hände, rollte mich zur Seite und rammte mein Knie in den Unterleib des Kerls. Der stöhnte auf und ließ mich los. Ich stand auf. Hermine beugte sich über den Geschlagenen. Sie schüttelte den Kopf. Weichei rappelte sich auf. Hermine zog ihn hoch und hielt ihn von einer chancenlosen zweiten Runde ab. Ich drehte mich um und stapfte zum Zelt zurück. Als ich am nächsten Morgen zu Hermines Stellplatz hinüberspähte, waren sie bereits abgereist.
Heute halte ich Hermines Brief in den Händen.
Lieber Erwin,
der unvollendete Seitensprung im vorletzten Sommer bedeutete für mich den Anfang vom Ende. Vor einem Jahr habe ich mich von Dieter endgültig getrennt. Seitdem lebe ich mit einem Mann zusammen, den ich wirklich liebe, zum ersten Mal in meinem Leben. Heute bin ich froh, dass wir damals von Dieter überrascht wurden und uns nicht dem Moment hingeben konnten. Ich wünsche dir, dass du dein großes Glück findest, denn Besseres im Leben gibt es nicht,
Deine Hermine
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