Das Mädchen empfand ihn als echten Kavalier, da er ihr auch noch beim Koffertragen half. Hermanns gutgemeinte Warnungen hatte sie hingegen längst vergessen. Er stellte die Koffer in der Vorhalle ab, während Charlie von einer sehr gepflegt wirkenden Dame in Empfang genommen wurde. Charlotte hatte das Gefühl, bei einer Musterung antreten zu müssen. Die Frau sah das Mädchen mit einem forschenden Blick an, der Charlie ein wenig Angst machte. Sie spürte sofort, dass es sehr schwer, wenn nicht unmöglich sein würde, dieser resoluten Person etwas vorzumachen. Sie überkam ein Gefühl der Ernüchterung, da sich ihre vage Hoffnung in Luft aufzulösen schien.
Die Dame stellte sich als Frau Reiser vor, Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Die etwa Vierzigjährige führte Charlotte in das Büro der Direktorin, Frau Doktor Amanda Streich. Charlie musste grinsen, da sie den Namen recht witzig fand. Dies brachte ihr ein erstes Naserümpfen ein.
„Was ist denn so lustig, wenn ich fragen darf? Es ist ja schön, dass du so fröhlich bist, möchte dich dennoch um eine gewisse Ernsthaftigkeit bitten. Frau Reiser wird dich mit den Gepflogenheiten vertraut machen, denn sie ist deine Klassenlehrerin. Ich hoffe, dass wir miteinander auskommen!“
Charlie spürte einen Schauer, so dass sich die Härchen an ihren Armen aufstellten. Sie fühlte sich unsicher in der Gegenwart dieser beiden so unterschiedlichen Frauen. Charlies Stimme zitterte leicht:
„Es ist nichts, Frau Doktor Streich, ich musste nur an etwas denken. Entschuldigen sie bitte…“
Charlie schien es ratsam, nicht gleich allzu unangenehm aufzufallen. Sie beschloss, dass ihre geplante Rebellion etwas warten musste. Zuerst musste sie wissen, wie ihr Gegner so tickte. Das schien ihr ein kluger Schachzug zu sein. Die Direktorin winkte ab: „Schon gut, Charlotte. Geh jetzt mit Frau Reiser. Sie zeigt dir alles, was wichtig ist.“ Dann vertiefte sie sich wieder in ihre Zeitung.
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