Charlottes neue Lehrerin ging mit ihr durch das Erdgeschoß, erklärte Charlotte den Zweck der verschiedenen Räume.
„Dies ist die Kleiderkammer! Dort bekommst du von mir deine Schuluniform. Es ist Vorschrift, dass alle Mädchen sie tragen. Zumindest an den Schultagen. Ach übrigens, Charlotte! Du wirst dich abschminken, denn wir dulden hier kein Makeup. Niemand soll sich von seinen Klassenkameradinnen abheben. Schloss Ruteberg legt größten Wert auf diese Dinge. Wir sind hier sehr traditionsbewusst!“
Charlie konnte es kaum glauben. Sie hatte ein Faible für die Filmstars, schwärmte für Diven wie die Monroe oder Gina Lollobrigida. Dementsprechend schminkte sie sich, trug wie ihre Heldinnen es auch bevorzugten, gerne enganliegende Röcke. Heute aber hatte sie eine sogenannte Pepitahose angezogen, die der letzte Schrei war. Sie meuterte: „Ich will keine Uniform anziehen. Diese Zeiten sind ja gottseidank vorbei!“ Als Charlie dabei die Faust ballte, lächelte Hedwig Reiser versonnen.
Die Renitenz dieses Mädchens gefiel ihr, aber dulden durfte sie so etwas nicht. Sie klärte Charlie auf:
„Hör mir gut zu, Charlotte! Wenn du auf das Unrechtsregime der Nationalsozialisten abzielst, gebe ich dir unbedingt recht. Aber damit hat das rein gar nichts zu tun! Sei also folgsam und gehorche.“
„Und wenn nicht?“ Charlie verschränkte die Arme vor der Brust, nahm eine abwehrende Haltung ein.
„Dann muss ich dich leider bestrafen! Ich glaube nicht, dass du es gleich an deinem ersten Tag darauf anlegen wirst, oder?“ Charlie traute der schönen Frau zu, diese Drohung auch in die Tat umzusetzen. Das Mädchen spürte ein flaues Gefühl in ihrem Bauch. Es schien Charlie ratsamer, mit ihrem geplanten Aufstand noch etwas zu warten. Das war wohl klüger. Sie klang ziemlich kleinlaut: „Gut, dann ziehe ich diese Uniform halt an. Ich möchte nicht gleich in den Karzer gesperrt werden.“
„So ist es brav, Charlotte!
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