Heute Abend würde es darum gehen, dass Marco Claudia körperlich untersuchen wollte – im Rahmen seines klinischen Semesters. Herz-Auskultation, Lungenbefund, periphere Pulse tasten, Lymphknoten palpieren. Warum er das gerade bei Claudia tun wollte, war mir ebenfalls klar: Sie war die idealtypische junge Frau, wie Marco das nannte, schlank, mit perfektem Hautturgor, gut sichtbaren Schlüsselbeinen und Hüftknochen und, als Krankengymnastin, sicher unkompliziert, wenn es darum ging, sich zu entblössen. Hinzu kam, dass Marco ja keineswegs ein fremder Mann war. Wir hatten schon viele gemeinsame Wanderungen unternommen, hatten in Berghütten übernachtet, und im Halbdunkel der einen oder anderen Alp hatte sie sich auch schon vor seinen Augen umgezogen. Er wusste also, was ihn erwartete.
Ich hatte in das Doktorspielchen eingewilligt, weil mich der Gedanke, wenn ich ehrlich bin, dass sie sich bereitwillig vom medicus in spe untersuchen liess, erregte. Nur hatte ich noch nicht den Mut gefunden, sie in diesen Plan einzuweihen. Marco würde mit uns, wie schon so oft, zu Abend essen, es würde Wein geben, vielleicht ein Bayliss nach dem Tiramisu, und mit etwas Glück würde Claudia danach breit genug sein, um sich auf eine professionelle Untersuchung einzulassen. Ganz beiläufig würden wir während des Abendessens das Gespräch darauf lenken – Marco und ich verstanden sich gut auf psychologische Feinheiten.
Dann trug meine Hübsche das Abendessen auf. Sie sah im Abendlicht sehr verführerisch aus, und ihre braunen schulterlangen Locken leuchteten geheimnisvoll. Sie schöpfte zuerst unserem Gast, und dieser war von ihr offensichtlich hypnotisiert. Schon mehrmals hatte er angetönt, wie sehr ihn meine junge Frau anmachte, aber so, wie er sie anblickte, war es nun offensichtlich: Er war geil auf Claudia. Deren vollkommene Ahnungslosigkeit erregte mich aufs äusserste. Wir assen schweigend, und dann erzählte sie von ihren Patienten. Eines ihrer Lieblingsthemen, und manchmal wurde es mir zu viel. Ich hörte dann nicht mehr, was sie sagte, sondern wie sie es sagte. Ich mochte ihre weiche, melodiöse Stimme, aber im Grunde war es mir egal, ob sie heute schon wieder einen Patienten mit Myogelosen oder nach einer Sternumfraktur behandelt hatte. Dann nahm Marco den Faden auf und lenkte das Gespräch auf die klinischen Untersuchungen. Dass sie im Skills-Lab aneinander übten. Dass die Akustik es verhinderte, dass sie die Herztöne genau hören konnten. Dass einer seiner Kommilitoninnen beim Palpieren des Brustkorbs der BH verrutscht war und sie es lange nicht bemerkt hatte. Und, ja, dass er einen grossen Übungsbedarf hatte, wenn er die nächste prüfung erfolgreich bestehen wollte. Diesen Satz liess er erst einmal im Raum stehen, ahnend, dass er auf Claudia wirkte, und erzählte vom neuen Roman unseres gemeinsamen Lieblingsautors T.C. Boyle.
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