Claudia

Agnes' Haus der sündigen Engel

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Claudia

Stayhungry

Claudia begab sich in die Arena. Mit festem, weit ausladendem Schritt und schwingenden Hüften erklomm sie in schwarz-grau gemustertem Korsett, schwarzen Strümpfen und hohen Lackschuhen die Rampe hinauf auf die kleine Bühne, ein edles Podest in oberflächenversiegeltem Granit, und ihr schulterlanges Haupthaar mit blondierten Strähnchen und Pony wippte wie bei den Berühmten des Catwalk. Die Nase war ein süßer, nicht zu großer Knubbel, ihr Blick frech, kokett, und aus ihren Augen lugte der Schalk, verhieß die Freude an und die Fähigkeit zu unbefangenem Genuss. Ihre gut gelaunte Hochnäsigkeit hatte nichts wirklich Arrogantes. Freundlich zugewandt ließ sie sich verehren und begehren. Sie schaffte es, jedem Mann das Gefühl zu geben, er habe einen Flirtversuch gestartet, ohne dass dieser tatsächlich derart tätig geworden sein musste. Doch jeder meinte, er habe dieses Spiel begonnen, das manche in forscher Manier weiterführten, ohne unbedingt erfolgreich zu sein. Andere, Brave, Schüchterne reagierten mit erschrockener Verunsicherung ob der Geister, die sie gerufen zu haben glaubten. Was sich aber wirklich in ihrem Abgrund der Lüste verbarg, ahnten und erfuhren die wenigsten.

Mit ihren dreißig Jahren galt sie im Kollegenkreis schon als nicht mehr jung und ihre unter der Haube befindlichen Freundinnen sorgten sich um ihre fehlende Beständigkeit in Liebesdingen, die sich sicher in Bälde rächen würde. Darüber konnte sie nur lachen. Die jungen Hühner im Büro nahm sie nicht ernst. Diese gaben nur mehr oder weniger verschämt mit ihren vermeintlichen Eskapaden an und klebten doch nur an Bonsai-Machos ohne Esprit. Und bei ihren Freundinnen glaubte sie durchaus diejenigen an der Nasenspitze zu erkennen, die sich zwar nicht großmäulig sexuell erfolgreich gaben, aber so ein Glitzern in den Augen und ein Schmunzeln in den Mundwinkeln besaßen, das auf sinnliche Zufriedenheit schließen ließ. Die meisten jedoch wirkten frustriert, desillusioniert, weit entfernt von Aufbruchsstimmung und Abenteuerlust. Ihnen allen gegenüber wahrte sie den Grund ihrer spürbaren Zufriedenheit, die bei wohlmeinenden Bekannten wohl eher Neid als Sorge um ihren ungebundenen Status hervorrief, als Geheimnis. Für diesen Genuss entschwand sie der moralischen Enge ihrer kleinen Provinzstadt an Wochenenden und freien Tagen. In ihrem Umfeld tuschelte man über einen heimlichen, vermutlich verheirateten, womöglich gar prominenten Liebhaber, aber der Wahrheit kam niemand auch nur annähernd nahe.

Denn Claudia ließ sich als Göttin verehren.

*

Agnes nannte es den Zauber und Liebreiz scheißender Schönheiten. Eine derbe Ausdrucksweise lag ihr gemeinhin fern, aber manches konnte man nur in der Kombination von gefühlvollem Ausdruck und unverblümter Benennung treffend formulieren, dass sich dem Unkundigen die Vielschichtigkeit des Geschehens erschloss. Trotz der Verletzung gängiger Tabus gab es in diesem intimen Wechselspiel zwischen Voyeur und vermeintlichem Objekt der Begierde keine Über- und Unterordnung, kein Ausgeliefertsein, keinen Schmerz. Denn beide Parteien schlossen einen unausgesprochenen Pakt, in dem die betrachtende, nach Einblick lechzende Person vielleicht mehr von sich preisgab als der Mensch, der selbigen gewährte. Die wenigsten hingen der klassischen Perversion dieser zunächst doch unappetitlichen Spielart an. Auch Agnes konnte dem an sich nichts abgewinnen. Aber dieser Vorgang erforderte Entspannung und Anstrengung in wohldosiertem Zusammenspiel. Die Aufgabe der intimen Bezogenheit auf sich allein offenbarte, wie weit jemand ehrlich auf sich selbst blicken konnte, denn die Augen der anderen waren der Spiegel für das Selbst. Hier zeigte sich, wer wirklich feinfühlig mit dem anderen umzugehen in der Lage war. Die Gier und Geilheit, im Dreck zu wühlen, wie es sich in solchen Exzessen üblicherweise verhält, mochten eine reinigende Funktion haben. Aber sie hatten keine Würde und stießen den sinnlichen Feingeist ab, auch wenn er das Tabu selbst gerne brach. In solchen Situationen trennte sich die Spreu vom Weizen. Vielleicht begaben sich gerade deshalb hungrige junge Frauen in diese Situation der völligen visuellen Auslieferung, um zu erfahren, wem sie sich auch körperlich bedingungslos anvertrauen können.

Die Installation dieses Raumes mit der Spezialanfertigung der gläsernen Toilettenschüssel und den elektronisch gesteuerten Wasser- und Abluftregulierungen in schlanken Edelstahlsäulen hatte ein Vermögen gekostet. Natürlich hätte man darauf auch verzichten und dem gelegentlichen Exzess durch den Einsatz der Putzkolonne begegnen können, das war in diskreter Weise ja ohnehin fortwährend nötig. Aber mit diesem Arrangement wird der Moment des Intimen, des ureigenst Persönlichen ganz materiell in ein fast öffentliches, gemeinschaftliches sinnliches Erlebnis verkehrt. Dem Wesen der Orgie als kultisch rituelle Überforderung aller Sinne konnte man so auch in modernen Zeiten zumindest noch nahe kommen.

Diesem Prinzip folgten alle besonderen Rückzugsräume ihres Hauses der Sündigen Engel. Durch die Reduktion auf das Wesentliche warf jeder einzelne die Residenten zurück auf sich selbst und ihre Begegnung. Ein Wohnzimmer enthielt eine elegante Sitzgruppe, ein Sideboard, eine sinnliche Grafik, aber nicht mehr, ein Raum der Unterwerfung den großen Tisch mit entgegenkommender Polsterung oder das klassische Andreaskreuz, niemals aber beides zugleich, ein Schlafgemach nur Doppelbett oder Futon sowie Wand- und Deckenspiegel. Die Bäderwelten hingegen enthielten zusätzliche Einladungen zum Verweilen und orientierten sich in ihrer Anordnung, nicht in ihrer Ausgestaltung an orientalischen Konzeptionen. Kein Bereich aber war überfrachtet mit Überfluss an Objekten des ihm zugehörigen Stils, es gab keinen Tand, keinen Plüsch, keine Himmelbetten und keine Rüschen. Nur klare Formen des modernen Designs hatten sich nach ihrer Erfahrung bewährt für die ästhetische Überhöhung des Bizarren. Und nur diese interessierte Agnes wirklich, sie ließ sie nicht los. Was sonst noch passierte in ihren sinnlichen Hallen, das war den Besuchern überlassen, solange es den Stil ihres Hauses nicht beeinträchtigte.

Die von ihnen ausgehenden Angebote jedoch folgten einer klaren Philosophie. Sie wollte dem vermeintlich niederen Trieb seine wahre Würde geben, denn die Sinnlichkeit war für sie ein Teil unseres menschlichen Wesens. Und die Ekstase, das sogenannte Außer sich sein, Entrückt sein, ist in Wirklichkeit der glückselige Moment, in dem wir ganz bei uns sind und zugleich vollkommen eins sind mit dem geliebten Menschen, der uns in diesem Himmel führt, begleitet, folgt, uns liebend umklammert, wenn die Fluten der Lust uns hin wegzureißen und der Ausbruch des Vulkans uns zu verschlingen drohen. Glücklich sind die, die in ihrem alltäglichen Leben bereits diese Oasen geschaffen und bewahrt haben. Aber wie manchmal erst der schöne Urlaub das Heimkommen zur Freude werden lässt, so braucht es oft auch den Ausbruch aus den Gewohnheiten, den veränderten Blick auf sich selbst, die Auszeit, um sein gewohntes Leben wieder als beglückend wahrzunehmen. Der Sinnsucher findet dies in der Ruhe und Abgeschiedenheit des Klosters, und Agnes selbst, und das würde keiner glauben, verbrachte jedes Jahr eine Woche hinter solchen Mauern, die die Erfahrung von Jahrhunderten bergen. Die Weisheiten der Antike über das erotische Wesen des Menschen erfuhren ihre Renaissance in Oasen, wie Agnes sie geschaffen hatte.

Agnes achtete alle Menschen, die zu ihr kamen, denn irgend etwas fehlte ihnen, war ihnen verloren gegangen oder drohte gerade, ihnen zu entgleiten. Und wem es gelang, sich auf die Chancen feinfühliger sinnlicher Erfahrungen einzulassen, der fand den Weg zu ungeahnten Genüssen, die er oder sie im Einklang von Körper, Geist und Seele in sich trug und nun entfalten konnte. Dann erst entstand Erotik als seelisch-sinnliche Einheit, mit ihr immer auch Beziehung, aus ihr erwachsen tiefe Freundschaften. Wer sie erlebt hatte, war verwandelt. Und kam wieder.

*

Claudia jedenfalls wusste, dass keiner der Männer, die mit großen Augen an jedem Detail hingen und kaum zu atmen wagten, jemals auf sie herabsah. In lasziven Bewegungen hatte sie ihren Slip abgelegt und nach vorne gebeugt die entblößte Schönheit ihres Unterleibes der Runde der Betrachter entgegen gestreckt dargeboten. Dann räkelte sie sich auf den gläsernen Thron, beugte sich vor, zurück, seitwärts und begann schwer atmend die Spannung des Verhaltens ihres Drangs zu lösen. Von oben und aus versenkten Scheinwerfern im Boden der Bühne wurde sie aus allen Winkeln erhellt. Die Damen, die sich hier öffentlich machten, tranken meist größere Mengen Wassers, weil dies den Moment der lustvollen Erleichterung verlängerte, das eigene Erleben verstärkte, und damit auch dem Begehren des erregten Voyeurs sowohl in Dauer als auch Intensität des verbotenen Einblicks entgegenkam. Gleichzeitig nahm dies dem verpönten naturgemäßen Charakter die sensorische Dominanz und stellte sicher, dass nicht im entscheidenden Moment die Scheu zu Verkrampfung, Verhaltung und einem für Betrachter und Akteurin jämmerlichen Ergebnis führte. Liebte eine Dame es exklusiver und empfand sie ein wenig Enthemmung als angenehm, griff sie zum Champagner. Das hatte dann auch seinen Reiz, jedoch reduzierte das perlende Getränk meist die Aufnahmefähigkeit und im Ergebnis die zur Verfügung stehende Menge. Claudia schwor auf starken Kaffee mit reichlich Milch und Zucker. Ihr starker gelber Strahl verbreitete den anregenden Duft des heißgeliebten Genussmittels vereint mit der scharfen Note anstößiger Lust bereitenden Mediums.

Die Männer sehen ihr gerne zu, ihr am liebsten, denn sie zelebrierte ihre Erregung, ihre Zurschaustellung, ihre Erleichterung mit einer selbstverständlichen Schamlosigkeit, der nichts, aber auch gar nichts Verabscheuungswürdiges anhaftete. Es hielt sie nicht in ihren Sesseln oder im dunklen Bereich abseits der Bühne. Die meisten drängten sich an deren Rand, knieten sich hin, um jedes Detail ihrer intimen Offenbarung zu studieren. Fast ein Dutzend erregter Glieder bezeugte Claudias Wirkung, von der sie im blendenden Schein der Lampen nicht alles wahrnahm, aber allein die Ahnung dieser kollektiven Erregung ließ sie selbst schaudern. Sogar drei Damen hatten sich zu ihren Füßen niedergelassen. Dem Sehnsüchtigsten gewährte sie für einen Moment durch das Heben ihres Beckens die lustvolle Befleckung, um sich dann mit letzter Anstrengung vollends zu erleichtern, denn in ihrem Unterleib hatte das starke anregende Gebräu zu einem unheilvollen Rumoren geführt. Doch selbst dann wand sie sich noch wohlig im Gewühl heißen Atems und dampfender Erregung um sie auf der gläsernen Toilette in mitten des Raumes ein Akt kraftvoller Anmut. Noch während sie sich in beginnender Entspannung reinigte, wanderten Hände, Lippen, Zungen über ihre Haut, ihr Haar, in ihre Scham. Dann geschah es wie immer.

Wenn es ihr dann nach den Männern gelüstete und sie sich erhob, vor ihnen präsentierte, sie vollends auf die Knie zwang mit ihren lockenden Schönheiten, dann wurde sie beglückt von der ungezügelten Lust, mit der sie sich ihrer heftigen Begattung widmeten, alleine, zu zweit, in ununterbrochener Reihe, ein Taumel der Lust, in dem sie nur noch fühlte, Leben und Leidenschaft spürte in jeder Faser ihrer Muskeln. Enttäuscht war sie, wenn sich ihr Betrachter schon vor der Zeit verspritzt hatte, so als könnte es nichts mehr an ihr geben, was seine Erregung noch mehren konnte. Aber manchmal erkannte sie auch den Schwachen, an sich selbst Zweifelnden, der einfach nicht mehr zu hoffen und wünschen gewagt hatte und dem die Fremdheit zwischen ihnen nicht Lockung war, sondern Verunsicherung gebar. Dann begab sie sich zu ihm, setzte sich ohne Abscheu auf seinen klebrigen Schoß, küsste ihn in den Mund und trieb ihn in seinen seligen Untergang einer zweiten Härte, die nun in ihrer verlängerten Dauer der Dame Lust zu bereiten hatte.

Wenn sie nicht mehr durchdrungen werden wollte und noch ein Verehrer mit unerfülltem Verlangen nach ihr dürstete, durfte er ihren Geschmack kosten und ihre blanke Scham und ihre bloßen Brüste bespritzen. Das war eine Gunst, denn niemand durfte sie bedrängen und wer es gewagt hatte zu feilschen, war unversehens allein, verlassen von einer freien und ungebundenen Göttin, die keinen Einzelnen brauchte, weil alle sie liebten.

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