„Ich befürchte, du bist heute vergeblich zu deiner Zeichenstunde gekommen, Raoul.“ Den Namen hatte Manuel schon einmal bei einer unserer Begegnungen erwähnt. Raoul gehörte zu einem der Nachwuchskünstler, denen Gunda und Evelin so zugetan waren, erinnerte ich mich.
Nicht so jung wie Jan erschien mir Raoul, als ihn betrachtete, sogar wesentlich älter. Ich bemerkte seine weichen Gesichtszüge, den eleganten Pagenschnitt seiner Haare und seine Hände mit den feingliedrigen Fingern, die mir zeigten, zu welch zärtlichen Berührungen sie fähig waren, wenn sie nicht gerade einen Zeichenstift führten.
Je länger ich Raoul betrachtete, desto mehr kamen mir plötzlich Zweifel, auf einen Mann zu blicken. Doch die große Ausbeulung in seiner Hose beseitigten meine Befürchtungen: Raoul war ein Mann! - Ich atmete erleichtert auf.
„Wenn du unbedingt deine Zeichenstunde absolvieren willst, frag doch Cosima, ob sie dir Modell steht,“ rief Manuel ihm zu.
Raoul schaute mich lange an, musterte mich eingehend, bis ein Lächeln auf seinem Gesicht erschien.
„Nichts tue ich lieber als Sie zu zeichnen“, sagte Raoul mit sanfter Stimme.
„Sie sind eine wunderschöne Frau!“
So etwas hatte Manuel noch nicht einmal in unseren intimsten Augenblicken zu mir gesagt; und nun Raoul gleich bei unserer ersten Begegnung.
Alles an ihm schien mir auf einmal so vertraut, so nah: Seine Augen, sein Mund, seine Hände, seine Blicke, sein Lächeln. Ich fühlte mich zu ihm sogar hingezogen. Mit einem Lächeln erwiderte ich seine bittende Blicke. Nur zu gerne stand ich ihm Modell, sagte mir mein Bauchgefühl, und das lustvolle Kribbeln zwischen meinen Schenkeln eilte schon weit voraus.
Aber wieso hatte er mich mit diesem distanzierten ‚Sie‘ angeredet? Hatte er etwa Angst vor der zornigen Eifersucht Manuels, meines Liebsten?
Cosimas Zwiespalt
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Cosimas Zwiespalt
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