Ihr Aufenthalt in Griechenland war ein Geschenk ihrer Eltern für sie gewesen, dass sie gerne angenommen hatte. Es war das erste Mal, dass sie überhaupt alleine vereisen durfte und hier, am Mittelmeer, konnte sie wirklich auf andere Gedanken kommen. Das tat ihr gut, denn sie genoss diese neue, ihr bisher so unbekannte Freiheit und das sogar sehr.
Gegen Mittag kippte dann allerdings das Wetter. Urplötzlich zogen die Temperaturen mächtig an und die Sonne begann regelrecht auf der Haut zu brennen. Also beendeten wir unseren gemeinsamen Morgen am Strand. Wir verabschiedeten uns und ich bekam ein Küsschen auf die Wange. Es war eine Berührung, die mich eiskalt erwischte und die in mir Unerwartetes auslöste. Von jetzt auf gleich hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen. Was machte ich da eigentlich? Hatte ich den Verstand verloren? Wie konnte ich mich nur mit einer so jungen Frau anfreunden und das auch noch ausgerechnet hier, in dem oft doch so strengen und orthodoxen Griechenland? Was erwartete sie von mir und was erhoffte ich mir selbst da? Ich wusste es nicht. Logisch und sachlich ließ sich auf all diese Fragen keine Antwort finden. In meinem Kopf ratterte es nur noch und meine Schuldgefühle wurden immer größer. Also entschloss ich mich, am nächsten Tag dem Café fern und daheimzubleiben.
Ich vermag nicht mehr zu sagen, ob ich in der folgenden Nacht auch nur ein Auge zubekommen habe oder nicht. Meine Gefühlslage war aber auch am kommenden Morgen nicht viel besser. Im Gegenteil, ich war so aufgekratzt und verwirrt wie schon lange nicht mehr. Obgleich ich es krampfhaft versuchte, bekam ich kein einziges Wort in einem meiner Bücher geschrieben. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Stattdessen irrte ich wie ein aufgeschreckter Tiger durch das Haus, ohne auch nur einen Moment der Ruhe zu finden.
Daphne
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Daphne
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