Das Abenteuer eines Aussteigers

4 7-11 Minuten 0 Kommentare
Das Abenteuer eines Aussteigers

Das Abenteuer eines Aussteigers

Jürgen Lill

Beim Versuch, einen Fisch zu fangen, fiel ich ins eiskalte Wasser des Flusses – und lachte zum ersten Mal seit Jahren richtig, als ich dort nass und zitternd stand. Mit nichts als einem selbst gefangenen Stock in der Hand und dem ersten echten Gefühl von Freiheit in der Brust.
Nach zwei Wochen konnte ich die Vögel am Ruf erkennen, bevor ich sie sah. Meine Hände waren rissig, aber stark; meine Haut von der Sonne gebräunt und vom Wind gegerbt. Ich lernte, dass man Feuer nicht macht, sondern es wachsen lässt – erst das zarte Flüstern trockener Blätter, dann das knisternde Lachen kleiner Zweige, bis schließlich die dicken Äste das prasselnde Lied der Wärme sangen. Das Messer war jetzt scharf und wurde zur Verlängerung meiner Hand, der Rucksack zum Teil meines Rückens, die Wildnis zu meiner neuen Haut.
Und dann, an einem Morgen, an dem der Tau noch auf den Gräsern lag und die Luft nach feuchter Erde und wildem Thymian roch, sah ich sie: barfuß zwischen den Bäumen, ihr schwarzes Haar ein wirres Gewirr aus Sonne und Schatten, ihre braunen Beine geschmeidig wie die einer jungen Gazelle. Sie stand da, als gehöre sie hierher – und in diesem Moment wusste ich, dass ich ihr folgen würde, egal wohin.
Sie nickte nur einmal, kurz und bestimmt, bevor sie sich wortlos umdrehte. Ich packte meine Sachen, ohne zu überlegen. Ihr Lager war eine einfache Hütte aus Lehm und Holz, halb versteckt hinter einem Vorhang aus Lianen. Sie deutete auf einen Baumstumpf, setzte sich selbst auf den Boden und reichte mir eine Schale mit dampfendem Tee, dessen Geruch nach Kräutern und Honig mir sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Wir versuchten zu sprechen – ich auf Deutsch, sie in einer Sprache, die nach fließenden Flüssen und rauen Bergen klang. Nach fünf Minuten gaben wir es auf.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 263

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben