Das Lebkuchenbordell

Rotkerbchens Abenteuer - Teil 11

8 8-13 Minuten 0 Kommentare
Das Lebkuchenbordell

Das Lebkuchenbordell

Peter Hu

So kam der Waldarbeiter also an diesem denkwürdigen Tag früher nachhause. Das hatte der Plan seiner parasitären Wohngenossen eigentlich nicht so vorgesehen.

Greta kreischte geradezu hysterisch, als er in die Stube trat. Was nicht etwa daran lag, dass sie noch nie einen Mann mit einer Axt im Kopf gesehen hatte (obgleich das auch in jenen Tagen recht ungewöhnlich war).

Nein, Greta kreischte hysterisch, weil Hans sie gerade nach Herzenslust durchnudelte. Sein Hänsel steckte so tief in der hechelnden Stiefschwester, dass er ihn überhaupt nicht so schnell heraus bekam, um sich gegen die klatschenden Ohrfeigen des vermeintlichen Vaters zu wehren.

„Ich werde euch schon geben!“ ...schimpfte der Holzfäller, und goss einen Kübel Eiswasser über den ineinander verkeilten Beischläfern aus.

„Bruder und Schwester in einem Bett. ...Pfui...“

...“Ihr seit nicht mehr länger meine Kinder und werdet sofort mein Haus verlassen“, ...tobte der Gekerbte.

„Waren wir sowieso nie!!!“ ...lachten die unverschämten Kukuksgören wie aus einer Kehle.

„Noch nie was vom Postboten, oder gar vom Klapperstorch gehört?“

Da wurde der Holzfäller nachdenklich. Eine Axt im Kopf, kann auch ihre guten Seiten haben. Besonders dann, wenn gewöhnlich zwei Hirnhälften miteinander im Widerstreit liegen.

„Ich bin ein Idiot“, ...stöhnte der Axtmann laut, als er die immer noch nackte, ziemlich hübsche Greta so betrachtete.

Als sie noch seine Tochter war, hätte er es nie gewagt. Doch jetzt...?!

„Also gut, ...Greta darf bleiben. Aber Hans muss das Haus verlassen! Schließlich ist er ja ein hergelaufener Fremder.“

„Da mache ich nicht mit“, ...zeterte Greta frech.

„Hans hat den dickeren Riemen, ...und ist viel jünger und schöner als du. Wir bringen dich einfach um und verjuxen deine Hütte.“

„Du hast ja eh schon `ne Axt im Kopf und dürftest eigentlich gar nicht mehr leben. Jeder würde uns glauben, dass du deinen Arbeitsunfall nicht überstanden hast, wenn wir morgen deine Leiche vor die Tür legen“...

Das war einfach zu viel für den ehrlichen, starken, dummen Mann. Das mit dem Riemen hätte sie einfach nicht sagen dürfen.

Wutentbrannt packte der riesige Holzfäller die undankbaren Mitesser, warf sie sich, gerad so wie sie waren, über die gewaltigen Schultern, ...und schleppte sie in den tiefen Wald.

Hier setzte er die Kukuksbrut auf den Waldboden, drehte sie mehrfach um die eigene Achse, damit sie ja den Heimweg nicht mehr fänden um ihm das Dach über‘m Kopf anzuzünden, ...und stampfte nach erfolgreicher Aussetzung davon.

Doch Hans war gar nicht so blöd, wie man ihn auf den ersten Blick hätte einschätzen können. Als der Alte ihn packte, bekam er gerade noch einen Beutel mit trockenen Linsen zu fassen, der führerlos auf dem Tisch stand. Denn der Mensch lebt nicht vom Sex allein. Außerdem braucht er etwas im Magen, um Samen zu produzieren. Und das war ziemlich wichtig...

Doch viel war das nicht...

...Zufrieden kehrte der Hüne schließlich in sein Haus zurück. Nach verrichtetem Werk, zog er sich endlich die Axt aus dem Kopf. Schon bald würde der kleine Kratzer verheilt sein. Großen Schaden hatte er jedenfalls nicht angerichtet...

So ärgerte sich der Holzfäller auch nicht lang darüber, dass er Greta nicht vor dem Aussetzen noch kurz einmal richtig durchgenudelt hatte. Am nächsten Morgen ging er zur Arbeit, als sei nichts geschehen.

*

...Hans und Greta froren bitterlich.

„Ich hätte doch bei dem Alten bleiben sollen“, ...meinte Greta mürrisch und rieb sich die dünnen Beine, die von hartnäckiger Gänsehaut überzogen waren.

„Der hat zwar einen kleineren Schweif, dafür aber einen knisternden Ofen im Haus.“

„Du bist genau so ein billiges Flittchen, wie deine Mutter“, ...zischte Hans da wütend.

„Ich weiß gar nicht, was ich an dir finde“:

„Kleiner Arsch und kleine Tittchen, wie die Schwester von Schneeflittchen“...

„Ich hätte mich doch lieber an die dicke Renata von nebenan halten sollen. Da hätte ich es jetzt wenigstens warm, ...und ein paar dicke Möpse als Kopfkissen!“

“Iiii..., so ein fettes Walross,“ ...warf Greta zornig ein.

Hansens „Tiefschlag“ hatte voll gesessen. Verführerisch ließ sie den Träger ihres Kittels von der Schulter gleiten, und ließ ihre strammen Äpfelchen wippen, dass ihm die harten Himbeeren beinahe in die Augen stachen. Auch ihre schlanken Beine öffneten sich jetzt so einladend, dass er bis in die saftige Frucht ihres wilden Obstgartens blicken konnte.

So ist das eben. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Bald schon, waren Hans und Greta wieder so tief ineinander verkeilt, dass jede Kälte vergessen war.

...Doch dann ging der Mond auf. Die Wölfe begannen zu heulen, ...und die schaurigen Nachtvögel wetzten ihre Zähne. Hans und Greta hatten schreckliche Angst, ...und froren bitterlich. Denn wie sich herausstellte, war Hans zu dumm, um Feuer zu schlagen.

Zwar war auch Greta zu dumm dazu. Aber ihr Stiefbruder war schließlich der Mann, ...also nach Adam Reisig, für solche Dinge zuständig. Denn die Emanzipation war noch lange nicht erfunden.

„Dein Riemen ist ja wirklich ´ne Wucht“, eröffnete jetzt Greta erneut den Streit.

„Aber es heißt ja nicht umsonst, dass Dumm gut karnickelt“...

...„Ich habe Hunger. Was ist mit den Linsen, die du gestern hast mitgehen lassen?“ ...meinte Greta im Morgengrauen.

...„Was? ...Höre ich auch wirklich richtig? ...Du hast sie auf den Weg gestreut? ...Du bist ja wirklich dümmer, als die Büttel erlauben. ...Eine Fährte legt man mit Kieselsteinen“...

„Hoffentlich werde ich von dir nicht schwanger. Ein Balg mit deinen Anlagen, würden ja nicht einmal die Trolle holen... Wie konnte ich mich nur je mit dir einlassen?“ Greta war einem hysterischen Anfall nahe.

„Das muss wohl an meinem dicken Riemen liegen“, ...lachte Hans blöde und hielt ihr die pralle Morgenlatte entgegen.

Doch Greta hatte keine Lust (was ziemlich ungewöhnlich war, zumal sie ihm schon noch ein paar Gramm Eiweiß hätte abwringen können). Statt dessen schnüffelte sie wie eine Jagdhündin in der kühlen Morgenluft. ‚War da nicht der Rauch eines Feuers in der Nähe? Roch es nicht auch nach frischem Brot, und gebratenem Speck?‘

„Roll die Nudel ein!“ ...befahl Greta harsch.

Das struppige Biest hatte jetzt endgültig das Kommando übernommen.

„Du bist genau wie dein Vater. Der dachte auch immer nur an das Eine. Und wenn der Hannes steht, steht ja bekanntlich auch der Verstand. Dein „Schwesterchen“ wittert nämlich Frühstück.“

Die Linsen waren augenblicklich vergessen. Auch das Würstchen dazu, konnte jetzt keinerlei Interesse mehr wecken. Sollten die Vögel ruhig den unerwarteten Festschmaus genießen.

*

...Die alte, freundliche Dame war gerade beim Abwasch, als ein merkwürdiges Knacken durch ihr Haus ging. Darauf folgte ein Heulen, als wäre ihr ein Wolf ins Fangeisen gegangen.

Die freundliche alte Dame hatte die Brüder Isegrimm gründlich gelesen. Sie wusste also sehr wohl, was in solchen Fällen zu tun war. Sie nahm der schwarzen Katze also den Maulkorb ab, und begab sich gespannt wie ein Jagdbogen zum Türspion. Sodann sagte sie ihren Vers auf:

„Knusper, knusper, Knäuschen, ...wer beißt da in mein Häuschen?“...

Hans wollte gerade antworten. Doch brachte er keinen Ton heraus. Denn der Lebkuchen, in dem noch zwei seiner besten Zähne steckten, war so hart, wie gebrannter Ziegelstein.

Die alte Dame mit den vielen Backrezepten, backte für die Ewigkeit. Sie hatte ja bekanntlich nur selten Gäste zum Kaffee. Da wäre es doch schade, wenn das liebevoll gestaltete Gebäck, schon so bald wieder verkäme.

Greta jedenfalls, lachte vor unverhüllter Schadenfreude, bis ihr Hans mit voller Wucht vors Schienenbein trat. Die Beiden konnten sich wirklich nicht besonders gut ausstehen, wenn es nicht gerade um die eine Sache ging...

Da Hans sehr hungrig ...und nicht eben clever war, suchte er sich einen anderen Lebkuchen aus, ...und biss erneut herzhaft hinein.

Greta vergaß ihren Schmerz. Sie schüttete sich vor Lachen so heftig aus, dass sie beinahe daran erstickt wäre. Denn jetzt klebte auch der Rest seiner Zähne im Gebäck.

Wieder wollte Hans nach ihr treten. Doch sie hatte aus ihrem Fehler gelernt. Greta wich geschickt aus, ...und versetzte ihm einen Kniestoß in den ungedeckten Glockendom. Hans jaulte auf und klappte zusammen, wie ein Taschenmesser.

...Pack schlägt sich,... Pack verträgt sich...

„Knusper,... knusper..., jetzt wird es mir zu blöd. ...Wer ist denn da?“

Mit zur Mitleid erregenden Grimasse verzogenem Gesicht, baute sich Greta vor dem Türspion auf. Sie war recht schmutzig, ...und das schwarze Haar klebte ihr strähnig im Gesicht. Auch presste sie sich eine Träne ins Auge, so dass sie eine recht passable Drückerin abgab.

...„Wir kommen vom Aussätzigenhilfswerk, ...und mein zurückgebliebener Bruder ist an Lepra erkrankt. Die Zähne sind ihm schon abgefault, ...und aus seinem Kuhstall stinkt es, dass wir schon mit dem Schlimmsten rechnen“...

...„Gib dir keine Mühe Mädchen. Ihr wollt mir doch nur wieder irgend so ein Blättchen andrehen, dass nicht mal zum Ofen anmachen taugt. Das Hexenmagazin habe ich schon abonniert, ...und die „Teigwalze“ hatte ich ein ganzes Jahr zur Probe. Hat mich aber auch nicht weitergebracht.“

„Nur weil ich auf dem Lande lebe und alt bin, müsst ihr noch lange nicht glauben, dass ich dämlich bin. ...Die Lepra im Maul, heißt Karies, ...und gegen den stinkenden Kuhstall hilft regelmäßiges Waschen.“

„Aber du gefällst mir, Mädchen. Der Versuch war nicht schlecht. Kommt erst mal rein und lass mich einen Blick in den Kuhstall deines Bruders werfen. Ich lebe nämlich ziemlich allein hier draußen, musst du wissen. Wenn du mir seinen strammen Riemen leihst, dürfte für euch auch ein kräftiges Frühstück drin sein.“

„Das ist ein Wort“, lachte Greta heiter, ohne Hansens Widerspruch auch nur zu bemerken. Ihr kam da gerade so eine Geschäftsidee...

Mit ihrem Verstand und seinem Riemen, ließe sich doch ganz gut leben. Die Frauenbewegung war noch nicht erfunden, doch Greta war schon ziemlich emanzipiert. „Warum sollte sie den immergeilen Trottel nicht einfach auf den Strich schicken? Auch alte Damen, zumal wenn sie so nett und freundlich waren wie Diese, hatten schließlich hin und wieder Anspruch auf einen strammen Zeitvertreiber.“

So kam es, dass Greta ihren Bruder für zwei gerührte Eier (immerhin mit reichlich Brot, und mächtig gebratenem Speck) auf den Strich schickte.

...Das Geschäft lief also ganz gut an. Greta und die Alte wurden gute Freundinnen. Gemeinsam sperrten sie Hans in einen Käfig und fütterten ihn mit Küchenabfällen. Er wurde nur heraus gelassen, wenn sich eine gut zahlende Kundin fand. Aber weil das mehrmals täglich der Fall war, bekam er oft mehr Auslauf, als ihm lieb war. Im ganze Wald sprach sich bald herum, dass es im Lebkuchenhaus einen brauchbaren Lustknaben gab.

Die freundliche, alte Dame war sehr glücklich. Denn ab jetzt gab es oft Besuch, ...und sie musste keine trocknen Lebkuchen mehr aufs Dach nageln.

Auch Greta war sehr zufrieden. Denn sie konnte sich jetzt kostbare Pelze leisten und lebte in Saus und Braus.

Das hätte ewig so weitergehen können, wenn Greta und die Alte es nicht übertrieben hätten. Sie verloren jegliches Maß, was ihre Feste und Kaffeekränzchen anging. Hans wurde fett, weil es viel zu viele Abfälle gab. Die alte, freundliche Frau wurde senil. Denn Überzuckerung schadet nicht nur der Figur, sondern auch dem Verstand.

Da Greta bald soviel Gold hatte, dass sie nicht mehr wusste wohin mit der Kohle, legte sie das viele Geld in Kokain an. Sie schnüffelte schließlich, bis sie blöde wurde.

Jetzt endlich war Hansens große Stunde gekommen. Zwar hatte sich sein Riemen in einen ziemlich schlaffen Schlauch verwandelt, der kaum noch zu gebrauchen war. Aber wer konnte es ihm schon verdenken, bei all den alten Lappen, die er so lange zu bügeln hatte?

Doch hatte das auch sein gutes. Denn wenn der Schweif nicht mehr steht, ist mehr Blut fürs Hirn übrig. Er erkannte bald, dass es ausnahmsweise ganz gut für ihn war, fett und hässlich zu werden. Denn das geile Kaffeekränzchen verlor bald das Interesse an seinen lustlosen Diensten. Die Oma wurde jetzt schon langsam nachlässig, wenn es ums Einschließen ging.

Auch Greta vernachlässigte ihre Zuhälterpflichten von Tag zu Tag mehr. Im ewigen Drogennebel ließ sie sich jetzt lieber vom Räuber Hotzenklops, verschiedenen Trollen und anderem Gelichter durchnudeln, während sie sich Nase für Nase zog.

Diese Situation nutzte (der jetzt nicht mehr ganz so dumme) Hans schamlos aus.

...Oma Knusperhaus schob gerade eine Lage Lebkuchen in den Ofen, als sie mit Schrecken feststellte, dass sie wieder einmal vergessen hatte, Hansens Käfigtür anständig abzuschließen.

Das sollte das letzte Mal gewesen sein, dass sie darüber erschrak. Denn kaltblütig beförderte der Ausbrecher seine Schließerin in die Backvorrichtung. Und weil er gerade dabei war, warf er die fauchende, schwarze Katze gleich hinterher. Denn das eitle Vieh hatte ihm stets die besten Brocken aus dem Fressnapf gestohlen.

Darauf begab sich Hans in Gretas Zimmer. Die lutschte gerade des Räuberhauptmanns Zuckerstange, während ein Troll unbekannter Herkunft damit beschäftigt war, ihr den Hintereingang mit seinem Steinbohrer zu versilbern.

Prüfend wog Hans die schwere Räuberpistole in der Hand, die da achtlos auf den Tisch geworfen lag. Krachend zerfetzte das Geschoss die Zimmerdecke, dass der Lebkuchenstaub nur so rieselte. Vor Schreck erlitt Greta einen Puperzenkrampf, so dass der kampfbereite Troll fest gefangen saß.

Der Räuber wollte nach seiner zweiten Pistole greifen. Doch Hans war schneller.

„Wir können uns doch sicher auch friedlich einigen?!“ ...meinte Hotzenklops in einem plötzlichen Anflug von überschäumender Höflichkeit.

„Aber selbstverständlich“, ...grinste Hans über beide Backen. „Einmal oral, einmal anal, ...dazu noch `ne perverse Nummer mit gemischtartigen Wesen, ...Dreierzuschlag, ...das macht, ...moment, ...zusammen genau 53 Golddukaten und zweiundsiebzig Kupferlinge. ...Oder hatten die Herren etwa noch Getränke?...“

„Beehren sie uns doch bald wieder... Die Pforten meines Stiefschwesterchens stehen jederzeit weit für sie offen“, ...verabschiedete Hans die verschreckten Gäste.

Dann sperrte er Greta in den Käfig, ...und gab ihr nur wenig zu essen. Denn sie wurde langsam Fett. Und das war nicht gut fürs Geschäft... Und wenn sie nicht gestorben sind...

*

...„Ich habe schon bessere Geschichten gehört“, ...meinte die Fee schläfrig, als der Gnom geendet hatte.

„Zum Beispiel die, von Rotkerbchen und dem armen Wolf.“

„Du meinst wohl die, von Rotkerbchen und dem bösen Wolf?“ ...hakte der Geilling hellhörig nach.

„Nein, mein lieber Freund. Ich weiß schon, was ich sage. Ich meine genau die Geschichte von Rotkerbchen und dem armen Wolf. Die mit dem Bösen Wolf, ist doch schon uralt. Die kennt ja jedes Kind.“

...Von Rotkerbchen und dem Armen Wolf, erzählt man sich erst seit knapp zwei Wochen. Ihr Geillinge seit wohl nicht mehr auf dem Laufenden? Ich will sie dir gern erzählen, auch wenn es eigentlich dein Job ist, mich zu unterhalten. Aber ich will mal nicht so sein. Denn wir Feen plappern schließlich für unser Leben gern!“

„So sperre also die Ohren auf...“

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 1409

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben