Laut Ankündigung auf den Deckblättern hielt er den Bildband eines ihm völlig unbekannten Malers in der Hand, blätterte hinein und war sofort überwältigt: in seltsam schimmerndem Licht, zwischen Katzen, Kelchen und Spiegeln dunkler Räume, zeigten sich entblößte Körper blutjunger Mädchen, einige lasziv hingestreckt, schlafend, manche in Betrachtung von Spiegeln versunken, stehend an sonnenrandigen Fenstervorhängen oder beim Kämmen ihrer Haare.
Roth war bereits gefesselt und aufgewühlt, da durchfuhr es ihn beim Anblick des nächsten Modells. Das Mädchen lehnte in einem Stuhl, wandte das makellose Gesicht dem Betrachter zu, eingerahmt von kinnlangem, brünetten Haar, seitlich gescheitelt, gehalten von einer einfachen Haarnadel. Es trug eine leichte rote Stoffjacke mit aufgestelltem Kragen und einen dunklen Rock, der die nackten, übereinander geschlagenen Beine weit über die Knie entblößte. Sein Antlitz war stolz und launisch, die Brauen hoben sich hochmütig, die weit offenen braunen Augen verweigerten jede Aufmerksamkeit und blickten gebieterisch am Betrachter vorbei. Roth zitterte. Voller Unruhe suchte er nach dem Titel des Bildes: Thérèse.
Als Roth wieder auf die Uhr sah, war der Termin verpasst, doch es kümmerte ihn nicht. Er vergaß auch die Toilette, versicherte sich mit einem raschen Blick nach hinten, öffnete seine Aktentasche, schob den Band hinein. Schwer atmend schritt er dem Ausgang zu. Der alten Frau warf er ein Abschiedswort hin, verschwand nach draußen und beschleunigte seine Schritte, weil hinter ihm ein Alarm schrillte. Langsamer wurde er erst, als er der Nebenstraße und gleich dem nächsten abzweigenden Gässchen gefolgt und sicher war, dass niemand ihm nachlief. Er sagte den Termin endgültig ab und fuhr nach Hause, wo er die Nacht schlaflos damit verbrachte, dieses unwiderstehliche Wesen, Thérèse, zu betrachten und es in seine Fantasien zu ziehen.
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Eine Hommage an Balthus
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