Roth entfernte sämtliche Spiegel aus seiner Wohnung, er brach die Spiegeltüren des Badezimmerschränkchens aus ihren Fassungen, er mied seine Freunde und hörte in der Firma und bei seinen immer selteneren Geschäftsreisen weg, wenn die Kollegen und Kunden ihn mit erschrockenen Blicken nach seinem Befinden fragten.
Als er nach einem viel zu langen Besuch bei Thérèse wieder kraftlos und mit schmerzenden Muskeln und Gelenken in der Badewanne lag, griff er unter das Waschbecken, schob den Putzeimer beiseite, hob eine der Spiegeltüren vom Boden auf und blickte hinein. Was er sah, machte ihn sprachlos. Es versetzte ihn so sehr in Angst, dass er sich jeden weiteren Besuch bei Thérèse verbot.
Unzählige Male lief er zu dem Kino zurück, durchstreifte früh bis in die späte Nacht die Gasse mit ihren feucht schimmernden Pflastersteinen, suchte alles ab, schrie sich die Seele aus dem Leib, so dass die Passanten kopfschüttelnd die Seite wechselten, aber der seltsame Mann, der vielleicht die Macht besaß, es zu beenden, blieb verschwunden.
Roth litt, tagelang, wochenlang. Er hörte auf zu essen. Ohne Thérèse besaß nichts mehr in seinem Leben eine Bedeutung. Er starb tausend Lusttode, Tode der Sehnsucht, würgender Begierde. Wie Fieber kam es über ihn, wirr, hitzig, ließ ihn zittern, die Augen schließen, den Mund stöhnend öffnen in ohnmächtiger Raserei.
Er kehrte zu ihr zurück.
Roth vernachlässigte seine Arbeit, blieb schließlich ganz aus. Seine Stelle wurde neu besetzt. Niemand sah ihn mehr, niemand erkannte ihn, um Jahrzehnte gealtert.
Vor ihm lag Thérèse. Sie schlief. Ihr Duft stieg von ihrer Haut in das nächtliche Zimmer auf, doch Roth war zu alt geworden, um ihn noch zu riechen. Tränen füllten seine Augen. Er stand dort, ein Greis, und ließ seine Minuten verrinnen, ohne weiter an Rückkehr zu denken. Vergeblich rang er nach Luft. Warm dehnte sich sein Herz aus der Brust, die Schläge verstummten. Thérèse trieb mit ihrem Bett in die Schwärze der Nacht davon.
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Eine Hommage an Balthus
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