Das Fenster

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Das Fenster

Das Fenster

Anita Isiris

Nicht bloss die dunklen Augen, nein, auch die hellbraunen, gelockten Haare, die weich gezeichneten Lippen und die keck dreinschauende, feine Nase schienen Lukas festhalten zu wollen.
Doch da war das Gesicht verschwunden, genauso unerwartet, wie es aufgetaucht war. Kurz darauf erlosch auch das flackernde Licht, welches das Fenster soeben noch geisterhaft erhellt hatte.
Lukas rieb sich die Augen, schüttelte den Kopf, blickte kurz auf seine Uhr und beschloss, seine Bibelstudien am nächsten Tag fortzusetzen. Doch er konnte lange nicht einschlafen. Zum einen quälten ihn Zukunftssorgen: Er hatte drei Tage zuvor einen langen Brief von seiner Mutter erhalten. Der Vater sei plötzlich erkrankt, sei für längere Zeit arbeitsunfähig, und es sehe schlimm aus. Der Hof müsse wahrscheinlich weiterverpachtet werden, da sie nicht in der Lage sei, ihn allein zu führen, und die Geschwister noch zu jung seien, um die Verantwortung mit ihr zu teilen. Im Moment reiche es noch fürs Essen, aber leider könne sie an Lukas' bescheidenen Lebensunterhalt nichts mehr beisteuern.
Durch diese Zeilen hindurch hörte Lukas den Hilfeschrei seiner Mutter. Er wurde mit einem Mal von einer unbeschreiblichen Wehmut befallen. Etwas später wanderten seine Gedanken zum Mädchengesicht. Es zog ihn wieder an sein Mansardenfenster, doch gegenüber blieb es dunkel. Lukas legte sich hin, starrte zur Decke und fasste noch in derselben Nacht einen Entschluss.
Am nächsten Tag perlten die Vorlesungen an Lukas hinunter. Nichts, aber auch gar nichts blieb haften. Lukas überdachte seine Entscheidung. Sein Studium, das ihm ohnehin Mühe bereitete - nicht zuletzt wegen der vielen Kommilitonen, die sich allzu kritisch mit der Glaubenslehre auseinandersetzten und sich von den "wahren Katholiken" mit erschütterndem Hochmut abwandten - wollte er aufgeben, um seiner Mutter bei der harten Arbeit auf dem Kleinbauernhof beizustehen. Nicht dies jedoch lenkte ihn von den Vorlesungen ab.

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