Die Mutter zu unterstützen bedeutete für Lukas vor allem Erholung; eine willkommene Abkehr vom Bücherleben. Nein, Lukas hatte beschlossen, sich seinen Studien fortan hinter Klostermauern zu widmen und Mönch zu werden. Die Tragweite dieses einsamen Entschlusses versuchte er jetzt zu erfassen und abzustecken.
Er hatte nämlich immer wieder festgestellt, dass die sezierende Denkweise, mit der an der Universität an die Theologie herangegangen wurde, für ihn nicht länger haltbar war. Viele Äusserungen der Professoren und vor allem seiner Mitstudenten waren ihm zu intellektuell und allzuweit entfernt vom wahren Wesen der abendländischen Religion, deren Sinn es doch war, Nächstenliebe gegenüber gleichdenkenden Menschen zu üben, das Christentum in der Welt zu festigen und Ketzer zu verdammen!
Am meisten entsetzten ihn diejenigen Studenten, die mit leuchtenden Augen verkündeten, Christus sei inden letzten zweitausend Jahren unzählige Male erneut vor die Menschheit getreten; nur sei er von den jeweiligen klerikalen Machthabern nie als solcher erkannt worden: Als Jeanne d'Arc, als Giordano Bruno, als Robespierre und in neuerer Zeit vielleicht als Rudi Dutschke, als Ulrike Meinhof, sei aber immer wieder auf dem Scheiterhaufen den Flammen der Intoleranz zum Opfer gefallen, von den Inquisitoren aller Zeiten zur Hexe, zum Ketzer oder zum Demagogen gemacht und sei mit dem unerschütterlichen Hochmut einer selbstherrlichen Gerechtigkeit den katholischen oder in neuerer Zeit den imperialistischen Folterknechten und Henkern ausgeliefert worden.
In seinem Herzen war Lukas tiefreligiös im orthodoxen Sinne: Nur der Katholizismus, diese reinste aller Glaubensrichtungen, durfte überleben. All die Behauptungen seiner Kommilitonen, dem Katholizismus hätte die Menschheit bisher mehr Kriege, Unterdrückung und Zwist zu verdanken als etwas anderes, lehnte er als gotteslästerlich und zynisch ab.
Imagine there's no heaven
And no religion, too
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