Das Fenster

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Das Fenster

Das Fenster

Anita Isiris

Als der Abt ihn nach dem halbstündigen Gebet durch den Kreuzgang führte, verspürte Lukas wieder diese Hand an seinem Herzen, und sein Magen zog sich zusammen. "Ist Ihnen unwohl?" erkundigte sich teilnahmsvoll der Abt. "Schon gut", antwortete Lukas, "es ist die lange Reise".
Noch am selben Nachmittag verpflichtete er sich zu absolutem Gehorsam, Abbruch der Kontakte zur Aussenwelt, ständigem Gebet und Ehelosigkeit. Nach diesem Entscheid war ihm irgendwie wohl. Dem Abt hatte er versprochen, sich nach einem Jahr Bauernarbeit bei seinen Eltern vom Draussen zu verabschieden und von da an in Stille und Einsamkeit durch die endlosen Gänge des riesigen Klosters zu wandeln.
Das bedrückend Ewige, das vom Katholizismus ausgeht, hatte auf Lukas an diesem Nachmittag derart tief eingewirkt, dass er seinen Entscheid, an dem er so lange herumgebrütet, nun gleich an Ort und Stelle fällte: Lukas brauchte die Düsternis.
Die seltsamen Ereignisse mit dem Mädchen waren bald vergessen. Am Abend schrieb er, wieder zurück in seiner Dachkammer, den Eltern einen Brief. Er eröffnete ihnen, dass Hörsäle ihm keine Geborgenheit und Kraft zum Glauben vermitteln könnten, das Kloster aber genau das sei, wonach er vermutlich schon sein Leben lang gesucht habe. Das Fenster gegenüber der Mansarde erwähnte er mit keinem Wort.
Er zog sich spät in der Nacht warm an, steckte den Brief in einen Umschlag und stapfte durch den tiefen Schnee zum Briefkasten um die Ecke. Dann kehrte er zurück zu seinem Hauseingang, nicht ohne einen verächtlichen Blick der Häuserwand empor aufs Fenster zu werfen, an dem ihm das Mädchen erschienen war. "Hexe!" brummte er, "Hexe!".
Ein Blutfaden sickert unter dem Guillotinenfenster hindurch, sammelt sich auf dem äusseren Sims in einer Holzrinne und wird in wenigen Augenblicken neben Lukas in den Schnee tropfen.

 

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