Das Fenster

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Das Fenster

Das Fenster

Anita Isiris

Aus dem dritten hing eine schwarze, aufgequollene Zunge, und der Hals zeigte blutunterlaufene Spuren eines fingerdicken Seils. So ging es weiter, bis ans Ende der Allee, und all diese Köpfe nickten dem entsetzten Lukas vorwurfsvoll zu.
Die Frau, die aus dem letzten Fenster in der langen Häuserreihe blickte, kam Lukas bekannt vor. Sie war unverletzt, aber da entdeckte er, dass sie nicht durch ein Fenster blickte, sondern durch eine Guillotine, die in die Mauer eingelassen war. Über dem Hals des Mädchens schwebte die scharfe, schwere Messerplatte. Auch diese Frau nickte Lukas traurig zu. Er ertrug den Anblick nicht und eilte den letzten Pappeln entlang, die, wie er verwirrt feststellte, in einen Kreuzgang mündeten.
Er erwachte schweissgebadet und vermied den Blick auf sein verriegeltes Fenster. Eilends zog er sich an und verliess das Dachzimmer. Es war Mittwoch, der Tag, an dem er sich dem Abt eines Kapuzinerklosters vorstellen sollte.
Nach einer dreistündigen Eisenbahnfahrt erkundigte sich Lukas am kleinen Bahnhof nach dem Weg zum Kloster. Gedankenversunken ging er eine Allee entlang. Sein Herz schlug bis zum Hals als er endlich die ersten Mauern der wuchtigen Klostergebäude vor sich sah. Ein misstrauisch blickender Pförtner stellte sich ihm in den Weg. Lukas stammelte ein paar Worte und wurde eingelassen.
Als die Klosterpforten hinter ihm zuschlugen, griff eine eisige Hand an sein Herz, doch sogleich wurde er vom rundlichen Abt freundlich empfangen.
Im Refektorium wurde das Mittagsmahl aufgetragen, und Lukas' Bewegungen beim Essen wurden von den Patres, Mönchen und Laienbrüdern unauffällig, aber neugierig aus den Augenwinkeln heraus verfolgt.

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