Eine dieser langen, nicht endenwollenden Nächte. Robert liegt wach neben seiner schlafenden Frau, hat die Augen geschlossen und wartet. Wartet auf Schlaf oder einen Einfall zu einer Geschichte, die er sich erzählen kann, um sich die wache Zeit zu vertreiben. Wartet auf ein Bild, ein Bühnenbild eines Traumtheaterstücks, in welchem er auftreten, als Held agieren kann.
Eine dieser Nächte. Seit seiner Frühpensionierung erlebt er sie immer öfter. Wach neben seiner ruhig schlafenden Frau. Nur selten schnarcht sie, erst ein leises Röcheln, dann ein Schmatzen, drauffolgend ein rasselndes Gurgeln. Ein leichtes Berühren ihrer Bettdecke genügt und sie verstummt, atmet leise weiter, so als wäre nichts gewesen. Es wundert ihn jedes Mal aufs Neue, daß diese leichte Berührung der Decke von seiner Frau erspürt wird. Er schmunzelt, hört noch einige Züge ihrem Atmen zu, dann kehrt er zu der Suche nach einem geeigneten Traum zum Einschlafen zurück.
Gebirge. Ein weitläufiges Tal. Grau. Grau die Steine, die entfernt aufragenden Felswände, der Himmel. Kein Alpenwerbebild. Ein Mann wandert einem Holzsteg zu. Der Mann, das weiß Robert, ist er. Dumpf hallen die Schritte auf den Bohlen. Das Wasser des Baches ist grau wie die Pflanzen an seinem Rand. Auch die Blüten sind klein und grau. Mit geschlossenen Augen wach im Bett neben seiner schlafenden Frau verfolgt Robert die eigenen Schritte auf dem schmalen Pfad, der sich in unzähligen Windungen den Talhang hinaufzieht. Am Ende des Hangs, dicht vor einer steil aufragenden Felswand, steht eine Almhütte. Aus dicken Balken grob gezimmert, braunschwarz verwittert, mit weit ausragendem Dach aus Steinplatten, duckt sie sich unter dem mächtigen Fels. Für den einsamen Wanderer strahlt sie Geborgenheit aus, wird ihm Schutz in der Nacht geben.
In der Dunkelheit der Hütte schneidet kalter Rauch in die Lungen des Wanderers.
Das rote Haus mit dem Schieferdach
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Das rote Haus mit dem Schieferdach
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