Den späten Nachmittag verbrachten beide auf ihre Weise. Anke beantwortete einige Emails, diskutierte in ihrem Lieblingsblog mit (allerdings ohne die Webcam einzuschalten) und surfte ein wenig im Internet. Martin klemmte sich Kopfhörer auf die Ohren und widmete sich der Zeitungslektüre. Mit Genugtuung studierte er den Wetterbericht, der auch für Sonntag ergiebigen Dauerregen in Aussicht stellte. Nach einer Weile erhob sich Anke und signalisierte Martin, dass sie in die Küche gehen und das Abendbrot vorbereiten wolle. Er nickte und begann den niedrigen Couchtisch von Zeitschriften, leeren Gläsern, Kugelschreibern und anderen überflüssigen Dingen zu räumen. Dann nahm er die Kopfhörer ab und begab sich in die Küche. Anke stand an der Anrichte und drapierte Schnittchen auf einer Servierplatte.
„Kümmerst du dich schon mal um den Wein, Schatz?“, bat sie ihn, während sie Gewürzgurken in Scheiben schnitt. Martin wählte einen französischen Rotwein, entkorkte die Flasche und füllte die Gläser. Nachdem er den Wein verkostet hatte, reichte er Anke ein Glas. Sie nahm einen Schluck, schloss die Augen und lauschte auf die Meldungen ihrer Geschmacksnerven.
„Schmeckt rauchig-würzig … mit Kirsch- und Pflaumenaromen … und einem Hauch Eichenholz.“
Martin schüttelte den Kopf.
„Ich würde eher sagen: Zimt, Vanille und Kardamom… und ein Hauch grünen Pfeffers.“
„Ach Martin!“, seufzte sie und stellte ihr Glas mit gespielter Resignation auf das Tablett. „Wir sind aber auch nie einer Meinung.“
„Aber nur was den Wein angeht.“, korrigierte er und küsste sie auf die Wange. „In anderen Dingen funken wir zum Glück auf derselben Wellenlänge. Besonders heute.“
„Apropos Wellenlänge: was kommt denn heute im Fernsehen?“
„ARTE sendet Claude Chabrols »Stille Tage in Clichy«.“
„Oh lala!“, freute sich Anke und leckte sich die Lippen. „Das passt ja nicht nur zum Wein. Los, wir tragen alles ins Wohnzimmer und frönen der Dekadenz wie im Paris der dreißiger Jahre.“
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