Die unzüchtige Nora

alter Titel: "Dehnübungen"

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Die unzüchtige Nora

Die unzüchtige Nora

Wulff Triebsch

Ich merkte, wie sie näher zu mir rückte, als wollte sie mehr Abstand zu diesem Mann halten.
„Da kommt mein Mann mit deiner Irene“, rief die Frau und beugte sich vor zu mir. „Sie haben sie sicherlich heute Nacht kennengelernt.“ Ich blickte sprachlos verwirrt die Frau neben mir an, dann die zwei Personen, die die Treppe herunterkamen, und versuchte, die Beziehungen zwischen den vier Personen zu verstehen: Der Mann - wie die Frau neben mir soeben mitgeteilt hatte- war ihr Ehemann, die Frau neben ihm, Irene, die Ehefrau des Pferdetrainers neben ihr. Sie hatte die Nacht mit ihrem Mann in meiner Nachbarkabine verbracht. Das sah nach Partnertausch aus! Aber irgendwie schwang da mehr mit als nur das!
Der Steward eilte herbei und bat sie mit überschwänglicher Höflichkeit, an unserem Tisch Platz zu nehmen. Der Mann ließ sich neben dem Glatzkopf nieder, Irene wirkte unsicher, wo sie sich hinsetzen sollte. Nur neben mir war noch ein Platz frei.
Wir nickten uns zur Begrüßung stumm zu, warteten, bis der Steward Kaffee eingeschenkt hatte und den Korb mit Brot, Brötchen und Croissant in die Mitte des Tisches gestellt hatte.
„Das ist Herr Triebsch“, meinte Nora zu Irene. „Er hat die Kabine direkt neben meinem Mann gebucht!“
- Der zweite Satz hätte bei Irene keine größere Bestürzung auslösen können. Sie richtete sich abrupt auf, als wollte sie aufstehen, und schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an, rutschte mit hochrotem Kopf auf ihrem Stuhl von mir weg und biss sich auf die Unterlippe. Vermutlich wusste auch sie, wie dünn die Kabinenwände waren und dass ich alles mitbekommen hatte, was sie in der Nachbarkabine gesprochen und getan hatten. - Es war ihr sichtlich peinlich.
Ich schob ihr, mehr zur Beruhigung, den Brotkorb hin, aus dem sie nur ein Croissant nahm, das sie vor sich auf dem Teller unberührt liegen ließ. Einmal warf sie mir einen scheuen Blick zu, wandte sich aber sofort wieder ab.

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