„Eigentlich dürfte es gar nicht mehr fahren, so marode ist es. Die Motoren können jederzeit in Flammen aufgehen. Die Sprinkleranlage hat noch nie funktioniert. Seien Sie froh, dass Sie damit nichts zu tun haben!“ Sie lächelte mich an und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.
„Was machen Sie heute?“ Vermutlich wollte sie nicht weiter über ‚Eleonora‘ sprechen. „Ich habe keine konkreten Pläne. Vielleicht auf dem Sonnendeck einfach dem Treiben am Ufer zuschauen, wenn die Dörfer und Städte am Schiff vorüberziehen und das Schiff an einem Hafen anlegt.“
Wir schwiegen eine Zeitlang und frühstückten wortlos, bis erst Irene, dann Nora aufstanden und mich allein zurückließen.
Später an der Reling auf dem Sonnendeck begegnete ich Nora wieder. Sie hatte sich noch nicht einmal für das Sonnendeck umgezogen, stand da in einem monoton grauen langen Rollkragenpullover und dunkelblauer Jeanshose, blickte sich suchend um und kam auf mich zu, als sie mich bemerkte.
Wir blieben eine Weile schweigend nebeneinander stehen, schauten auf, als die Sonne verschwand und es kühl wurde. Unser Kreuzfahrtschiff fuhr in eine Schleuse ein, mit steil aufragenden tropfnassen Wänden rechts und links. „25 Meter sind die hoch“, erklärte sie und stieß einen Seufzer aus. „Ich fühle mich jedes Mal wie eingepfercht.“ Ich hatte den Eindruck, dass sie näher zu mir gerückt war.
„Mir wird jedes Mal schwindelig zwischen diesen hohen Mauern.“ Jetzt stand sie so nah neben mir, dass wir uns berührten. „Früher bin ich sofort in meine Kabine geeilt, bevor mein Kreislauf nicht mehr mitmachte.“
„Ist Ihnen das denn schon mal passiert?“, fragte ich. Sie nickte. „Ja, mehrmals. Ich hoffe, jetzt hier bei Ihnen verlässt er mich nicht.“
Sie stand reglos neben mir, atmete flach und schnell; ein Lächeln huschte über ihr bleiches Gesicht, als sie für einen kurzen Augenblick meine Hand ergriff; sie war kalt und feucht. „Ich bin froh, dass Sie bei mir sind.“
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.