Ich hatte diese Beziehung nicht begonnen, weil ich dachte: „Wow, der haut mich um“, sondern weil ich so erleichtert war, dass überhaupt jemand Interesse an mir hatte. Klingt dumm, ich weiß – aber mit nicht einmal zwanzig Jahren lag mein Selbstbewusstsein ungefähr auf Gehsteigniveau. Wenn damals jemand sagte „Du bist schön“, hörte ich innerlich schon Hochzeitsglocken.
Ein Jahr später wachte ich eines Morgens neben ihm auf, sah ihn da liegen – offenem Mund, leicht schnarchend, alles wie immer – und dachte: Du hast nichts falsch gemacht. Aber ich. Und das kann so nicht weitergehen. Es war kein trauriger Gedanke, eher eine klare, fast freche Ruhe.
Wir haben danach geredet. Also, ich hab geredet, er hat geschwiegen und schließlich sehr verständnisvoll geschaut – was fast schlimmer war. Ich erklärte, dass ich nicht unglücklich sei, aber auch nicht glücklich. Dass ich mich neben ihm fühle wie eine Version von mir, die niemandem zur Last fallen will. Und dass das zu wenig ist für ein ganzes Leben.
Er fragte: „Also liebst du mich nicht?“
Und ich sagte – nachdem ich wirklich nachgedacht hatte: „Ich glaub, ich hab eher die Vorstellung geliebt, dass du mich liebst, als dass ich dich geliebt hab.“ Das war vermutlich der grausamste und zugleich ehrlichste Satz, den ich bis dahin gesagt hatte.
Danach ging ich raus, kaufte mir beim Bäcker eine Mohnsemmel und war offiziell Single. Kein Weltuntergang, kein dramatischer Regen, keine Filmmusik. Nur ich, eine Semmel – und das Gefühl, dass jetzt alles möglich war. Inklusive des Scheiterns.
In dieser Stimmung beschloss ich zu studieren: Publizistik. Das klang gescheit, beruhigte die Eltern und ließ mir die Hoffnung, mit Worten statt Zahlen zu arbeiten. Und vielleicht, so hoffte ich, dort Menschen zu treffen, die ein bisschen bunter waren als der gute alte Tom.
Der Anfang von allem
Aus dem Nähkästchen geplaudert
21 7-12 Minuten 0 Kommentare
Der Anfang von allem
Zugriffe gesamt: 1303
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.