Der Anfang von allem

Aus dem Nähkästchen geplaudert

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Der Anfang von allem

Der Anfang von allem

Leni Trattner

Ich kann’s vorwegnehmen: Der Plan ging auf. Auf dem Papier hab ich das Studium bravourös abgeschlossen, aber ehrlich gesagt, hab ich in Wahrheit weniger Publizistik studiert als Leben. Ein paar Prüfungen über Menschen, ein paar über Gefühle – und ein Hauptfach, das „Ich selbst“ hieß.
Diese Zeit war ein aufregendes Chaos aus Vorlesungen, verrauchten Beisln und all jenen, die „irgendwas mit Medien“ machen wollten, ohne genau zu wissen, was das heißen sollte. Damals war alles noch offen.
Eines Abends geriet ich zufällig in eine Vernissage. Ein Typ aus irgendeinem Seminar hatte mich eingeladen, und ich dachte mir: Warum nicht – vielleicht gibt’s gratis Wein. Und ja, den gab’s. Nicht gut, aber ausreichend. Mit Knabberzeugs dazu, was bedeutete, ich konnte das Abendessen ausfallen lassen – eine sozial wie finanziell kluge Entscheidung.
Und dort traf ich sie: Nora. Sie stand lässig im Raum, ein Glas Rotwein in der Hand, und ihre wilden Locken wirkten, als hätten sie sich nie von irgendjemandem sagen lassen, wohin sie gehören. Ihr Lachen war tief und warm, kein helles Kichern, sondern etwas, das man im Brustkorb spürte. Und ihre Augen – dunkel, wach – tasteten sich an mir entlang, als würden sie nicht nur mein Gesicht, sondern auch den Teil sehen, den ich sonst gut zu verstecken wusste.
„Du schaust aus, als würdest du dir grad was denken, das du nicht laut sagen darfst“, meinte sie und ließ ihren Blick bewusst eine Spur zu lange auf meinem Mund ruhen.
Ich grinste, fühlte aber, wie mir gleichzeitig die Hitze in den Nacken stieg.
„Ich versuch nur rauszufinden, ob das da drüben Kunst ist oder ob jemand vergessen hat, die Verpackung wegzuräumen.“
Das war der Anfang. Wir redeten, lachten, tranken Wein. Ihre Hände sprachen fast genauso viel wie sie: lange Finger, die beim Sprechen Linien in die Luft zeichneten, als würde sie mich nebenbei skizzieren.

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