Irgendwann sagte sie, mit diesem leicht verschmitzten Grinsen, das sich nur auf einer Seite ihres Mundes zeigte: „Du weißt eh, du hättest ein großartiges Gesicht zum Malen. Vor allem die Nase. So eine hab ich noch nie gesehen, geschweige denn gemalt.“
Ich lachte unsicher – nicht wissend, ob das nun charmant oder absurd war –, aber etwas daran traf mich direkt unter der Haut. Weil ich spürte, dass ich nicht nur angeschaut, sondern wirklich gesehen wurde.
Zwei Tage später rief sie mich an. Frag nicht, woher sie die Nummer hatte – ich weiß es bis heute nicht. Und als ich sie später danach fragte, wusste sie’s auch nicht mehr. Sie wollte wissen, ob ich Modell sitzen würde.
„Ich krieg deine Nase nicht aus dem Kopf. Ich muss sie festhalten.“ Sie und ein paar andere aus der Malgruppe suchten jemanden, der Geduld hatte, während sie arbeiteten – bezahlt in Wein, Essen und Gesellschaft. Ich dachte: Warum nicht? Wenn’s nichts wird, hab ich wenigstens einen Abend gut verbracht, und wenn doch – umso besser.
Das Atelier lag in einem alten, verwinkelten Haus beim Naschmarkt. Innen roch es nach Farbe, Leinöl und alten Holzböden. Nora war barfuß, die Zehen mit Farbspritzern, die Wange von einem roten Strich gezeichnet, als hätte sie sich selbst versehentlich signiert. Sie trug ein weites Hemd, dessen oberste Knöpfe offenstanden; bei jeder Bewegung blitzte ein schmaler Streifen Haut auf. Nur ein ganz kleiner Streifen, doch einer, an dem mein Blick öfter hängen blieb, als mir recht war.
„Da ist sie, die Frau mit der spannenden Nase!“, rief sie und lachte.
Sie begannen zu malen, ich saß da – anfangs steif wie ein Möbelstück, die Hände zu ordentlich im Schoß gefaltet. Mit der Zeit ließ ich den Rücken sinken, atmete tiefer. Es war eigenartig schön, still zu sitzen und wahrgenommen zu werden, ohne etwas tun zu müssen.
Der Anfang von allem
Aus dem Nähkästchen geplaudert
22 7-12 Minuten 0 Kommentare
Der Anfang von allem
Zugriffe gesamt: 1384
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.