Ihre Blicke glitten über mein Gesicht, meinen Hals, manchmal kurz über die Linie meines Schlüsselbeins; Pinselstriche folgten, und ich hatte das Gefühl, dass jeder Strich etwas von mir festhielt, das sonst niemand zu sehen bekam.
Nach ein paar Wochen wurde es Routine. Ich kam gern. Vielleicht, weil ich mich dort interessanter fühlte als irgendwo sonst. Fast geheimnisvoll – als hätte ich ein zweites Ich entdeckt, das sonst viel zu leise war.
Eines Abends blieben Nora und ich allein zurück. Die anderen waren gegangen, der Wein halb leer, das Licht halb gedimmt. Wir spülten Pinsel, lachten über Farbnamen, die wie teure Parfums klangen. Dann wurde es still – eine dieser Pausen, die eine Sekunde zu lang dauern, um noch harmlos zu sein.
„Weißt du“, sagte sie leise, „du bist am schönsten, wenn du einfach nur da bist. Wenn du gar nichts tust.“
Ich musste lachen.
„Das hat noch kein Mann zu mir gesagt.“
„Ich bin auch kein Mann“, erwiderte sie und trat näher.
Der Kuss kam ohne Aufruf, ohne Dramatik – einfach da, wie eine Antwort auf etwas, das schon längst gefragt war. Ihre Lippen waren warm und ruhig, keine Hast, kein Testen, sondern ein Innehalten im genau richtigen Moment.
Der Kuss vertiefte sich kaum merklich – nicht heftiger, sondern vollständiger. Ihre Lippen bewegten sich langsam, entschlossen, als wüssten sie, was sie taten. Ihre Hand glitt an meinen Hals, ihr Daumen strich über die Haut unter meinem Ohr, und mein Körper antwortete – nicht mit Erschrecken, sondern mit dieser wellenartigen Wärme, die alles in Bewegung bringt. Kein Feuerwerk, kein Spektakel. Nur das Gleiten eines stillen Stroms aus Nähe und geatmeter Neugier.
Ich küsste sie zurück, zunächst vorsichtig, dann mit wachsendem Mut. Ihr Mund schmeckte nach Rotwein, Farbe und vielleicht einem Hauch von Zimt.
Der Anfang von allem
Aus dem Nähkästchen geplaudert
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Der Anfang von allem
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