Irgendwo fiel ein Pinsel um, und das Geräusch klang, als hätte der Moment einen Punkt bekommen – einen zufriedenen, stillen Punkt.
Nora löste sich, sah mich an – ernst, offen, nah.
„Was denkst du?“
„Dass ich das nicht erwartet hab.“
„Und willst du, dass ich aufhöre?“
Ich schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Gut“, sagte sie, fast flüsternd.
„Dann bleib einfach hier bei mir.“
Ihre Finger streiften mein Haar, wanderten in den Nacken, zeichneten dort kleine, beruhigende Kreise. Ich legte meine Hand an ihre Hüfte, spürte den dünnen Stoff ihres Hemdes, die Wärme darunter, den leichten Rhythmus ihres Atems. Für einen Moment war alles außer uns vergessen: Farbe, Raum, Zeit.
Dann nahm sie meine Hand, ruhig, vertraut.
„Komm mit“, murmelte sie.
Im Nebenraum lag eine Matratze, von Laken bedeckt, die nach Farbe und Lavendel rochen. Durch das halb geöffnete Fenster wurde das Zimmer mit klarer Nachtluft erfüllt.
Sie drehte sich zu mir.
„Ich will nichts überstürzen. Weil ich denke, dass es dir zu viel wäre. Und mir vielleicht auch. Aber ich finde, es muss hier noch nicht enden. Du kannst gerne bleiben, wenn du willst. Ich würde es wollen. Und ich verspreche dir, ich werde keinen Schritt weiter gehen, als wir bislang schon gegangen sind. Kein Sex. Einfach nur wir beide. Küsse. Unsere Körper. Ganz entspannt und zärtlich. Willst du das auch für diese Nacht?“
Ich nickte.
„Ich will.“
Wir legten uns hin, erst unsicher, dann näher. Ihre Finger glitten meinen Arm entlang, verharrten auf meiner Haut wie eine Frage, die man nicht laut stellt.
„Passt das so?“, flüsterte sie.
„Ja“, sagte ich, fast tonlos.
Sie schob sich näher, ihre Brust an meinem Rücken, ihr Atem an meinem Hals. Eine Hand lag auf meinem Bauch, ruhig, schützend. Kein Drängen, kein Versuch, mehr zu erzwingen. Nur das Spüren. Das langsame, stille Begreifen, dass Nähe auch ohne Bewegung vollkommen sein kann. Und dass Nähe einfach auch für sich existieren kann. Ohne Sex. Nur mit ganz viel Fühlen.
„Ich mag das,“ sagte sie nach einer Weile.
„Wenn jemand einfach da ist. Ohne Ziel.“
„Ich auch,“ erwiderte ich. Und staunte, dass ich es wirklich meinte.
Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich in meinem eigenen Körper angekommen – nicht als etwas, das gefallen, funktionieren oder reagieren muss, sondern als etwas, das einfach ist.
Ich schloss die Augen. Ihr Atem legte sich in gleichmäßigem Rhythmus an meinen Nacken, und alles an mir wurde ruhig.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, schlief sie noch. Das Licht fiel durch das Fenster, golden und weich. Ich betrachtete sie – die entgleiste Locke in ihrem Gesicht, den ruhigen Atem, den Abdruck ihrer Hand noch auf meinem Arm – und wusste:
Es war weder ein Fehler noch eine Revolution. Aber etwas hatte sich verschoben.
Ich wollte denken, dass es perfekt wäre, selbst wenn es nur bei dieser Nacht bliebe. Doch es folgte mehr. So viel mehr, als ich mir erwarten konnte. Doch für heute ist es mal genug von mir und ich lasse Dich nun alleine zurück – und hoffe, Du wirst noch ein wenig in meinen oder in Deinen Jugenderinnerungen schwelgen.
Der Anfang von allem
Aus dem Nähkästchen geplaudert
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Der Anfang von allem
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