Sophie und Klara standen gemeinsam in dem Raum mit dem großen Panoramafenster, der beinahe leer wirkte – wäre da nicht der schwarze Flügel gewesen, der wie selbstverständlich den Mittelpunkt einnahm und durch seine schlichte Präsenz den Raum strukturierte.
Das Licht fiel durch die hohen Fenster und legte sich weich auf das polierte Holz, in dem sich Konturen und Bewegungen spiegelten, als gehöre auch das zur Inszenierung.
Sophie stand an der Fensterfront und ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen.
„Ist das nicht ein traumhafter Ausblick? Und keiner kann ihn mir verbauen“, sagte sie zu Klara und sah sie mit leuchtenden Augen an.
Doch ihre Schwester interessierte sich mehr für den Flügel.
Klara trat näher, ließ ihren Blick langsam über das Instrument gleiten und strich schließlich mit den Fingerspitzen über die geschwungene Kante, als würde sie prüfen, ob es sich wirklich so anfühlte, wie sie es erwartete.
„Woher hast du denn?“, fragte sie schließlich, ohne sich umzudrehen.
Sophie blieb einen Moment stehen, als müsste sie selbst erst überlegen, bevor sie antwortete. Dann trat sie näher und verschränkte leicht die Arme.
„Von einer Tante“, sagte sie, „ein Erbstück … ich konnte nur nie etwas damit anfangen. Spielen kann ich nicht.“
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Klaras Lippen, während sie sich auf die Klavierbank setzte und den Deckel langsam anhob.
„Ich schon.“
Sophie hob überrascht die Augenbrauen, und für einen Moment wirkte sie fast jünger, unbeschwerter, als hätte sie den geschäftlichen Teil ihres Lebens einfach an der Tür abgelegt.
„Dann spiel doch mal was.“
Klara ließ sich nicht lange bitten.
Ihre Finger fanden die Tasten mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts mit Übung allein zu tun hatte, und schon nach den ersten Tönen begann sich der Raum zu verändern, als würde die Musik nicht nur erklingen, sondern sich ausbreiten, in die Ecken kriechen, sich zwischen die beiden Frauen legen.
Der Flügel – Rausch der Musik
Sophie von Wolfenstein - Teil 7
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Der Flügel – Rausch der Musik
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