Der Löffel, die Glocke und wir

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Der Löffel, die Glocke und wir

Der Löffel, die Glocke und wir

Chloé d'Aubigné

Ich hätte diesen Nachmittag an jedem anderen Ort verbringen können, nur nicht hier. Nicht hier im Sprüngli am Paradeplatz.
Es ist einer dieser hellen Frühlingsnachmittage, an denen das Licht durch die hohen Fenster fiel, als hätte es sich vorgenommen, jede noch so kleine Imperfektion, jede noch so kleine Schliere sichtbar zu machen.
Auch merke ich: Porzellan klirrt hier anders als anderswo — gedämpfter, kultivierter. Selbst der Milchschaum am Kaffee scheint sich seiner gesellschaftlichen Rolle bewusst zu sein und fällt langsamer zusammen als seine Kollegen anderswo.
Und ich sitze da. Allein.
Mit einem Löffel, der sehr bewusst nicht dort liegt, wo ich ihn normalerweise hinlegen würde. Und wo er liegen sollte.
Ich rühre meinen Kaffee nicht um, löffle ihn auch nicht, nippe natürlich auch nicht daran. Habe ich auch gar nicht vor. Stattdessen liegt der kleine silberne Stiel quer über dem Tassenrand, leicht nach außen gedreht — so beiläufig, dass es fast wieder kalkuliert wirkt. Oder vielleicht ist es genau andersherum.
Ich sehe einen Moment zu lange hin.
Dann schaue ich weg, als hätte ich mich bei etwas ertappt.
Das ist völliger Unsinn, das ist mir bewusst.
Was, wenn niemand mehr diese Geschichten kennt — oder schlimmer noch: wenn sie nie mehr waren als genau das? Hübsch erzählte Anekdoten, irgendwo zwischen Nostalgie und diskreter Ausschweifung, weitergegeben mit einem Lächeln, das nie ganz verrät, wie viel Wahrheit darin steckt.
Ich bin erst seit ein paar Wochen in Zürich. Lange genug, um zu wissen, dass diese Stadt ihre Geheimnisse gut kleidet und gerne auch verkleidet. Und kurz genug, um noch an sie zu glauben, um nicht sicher zwischen Fiktion und Wahrheit unterscheiden zu können.
Gehört habe ich die Geschichte bei einem Glas Wein, halb im Scherz, halb im Vertrauen.

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