Der Neuanfang

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Der Neuanfang

Der Neuanfang

Solveig Raun

Sie stellte den Wasserkocher an, nahm zwei Becher aus einer Schublade und stellte eine Teepackung dazu. Bis das Wasser kochte, schwiegen wir. Ich wollte ihr Zeit geben. Mir auch, um sie ein bisschen zu mustern, abzuschätzen, wie es ihr ging. Ihre Schultern hinten schlaff herunter, die blonden Locken standen ein bisschen wirr ab. Die Augen hatten dunkle Ringe darunter, vermutlich vom Weinen und wenig Schlaf. Endlich klickte der Wasserkocher. Bea goss Wasser in die Becher und setzte sich mir schräg gegenüber.
Bevor ich etwas sagen konnte, begann sie zu erzählen. Von Michael, dem ganzen Stress die letzten Monate. Seiner erfolglosen Arbeitssuche. Was sie gemeinsam versucht hatten, wie sie ihm geholfen hatte mit den Anschreiben, den beiden Vorstellungsgesprächen. Doch nichts half. Michael resignierte mehr. Sie stritten mehr. Er wurde neidisch, weil sie in ihrem Job aufging. Bea erzählte auch, dass sie sogar mit unserer Chefin gesprochen hatte wegen einer Stundenerhöhung. Um finanziell den Ausfall von Michael abzufangen. Wahnsinn. Das hatte ich alles nicht mitbekommen. Ich saß mit dem Tee in der Hand da und hörte zu. Gelegentlich schüttelte ich den Kopf, pflichtete ihr bei. Sie beendete ihre Erzählung mit den Ereignissen vor der Krankschreibung:
„Stell dir vor, er lässt sich so gehen. Schlurft nur noch durch unsere Wohnung, pflegt sich kaum noch und alles – auch der Haushalt – blieb zusätzlich an mir hängen. Das war zu viel. Wir haben sowieso die letzten Monate dauernd gestritten. Manche Tage haben wir nicht mal richtig geredet. Dann ist es eskaliert, ich war mit meinen Kräften und meiner Geduld am Ende. Hab ihm ein Ultimatum gestellt. Was er ohne mit der Wimper zu zucken hat verstreichen lassen! Ich hab gesagt, ich brauche Abstand und ziehe vielleicht ganz aus.

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