“ Sie wandte sich direkt an ihn: „Ich erwarte noch eine Entschuldigung bei Frau Stein. Dann vergessen wir das Ganze.“
Herr Breitenkopf murmelte eine Entschuldigung. Eva nickte erleichtert und warf Sophie einen dankbaren Blick zu.
Sophie erwiderte ihn mit einem kaum sichtbaren Lächeln und wandte sich wieder ihrem Laptop zu, als wäre nichts Besonderes geschehen.
So verliefen die Tage, und Sophie nahm die Leere im Musikzimmer zwar wahr, doch sie zwang sich jedes Mal weiterzugehen, sobald ihr Blick durch die geöffnete Tür fiel. Es war leichter, den Raum nur im Augenwinkel zu streifen, als sich bewusst mit dem auseinanderzusetzen, was dort geschehen war.
Erst einige Tage später blieb sie stehen.
Sie wusste selbst nicht genau, warum. Vielleicht, weil die Unterlagen für die Dissertation fast fertig waren. Vielleicht, weil sie zum ersten Mal seit einer Woche keinen unmittelbaren Termin hatte. Oder vielleicht war sie einfach nur müde geworden, vor dem Raum davonzulaufen.
Langsam trat sie über die Schwelle.
Der große Flügel hatte den Raum immer dominiert. Nun wirkte das Musikzimmer seltsam fremd – größer und gleichzeitig leerer. Die Stille hatte etwas Endgültiges, als hätte jemand einen Teil der Vergangenheit aus dem Schloss herausgeschnitten.
Sophie ließ ihren Blick über das Parkett wandern. Die Handwerker hatten ganze Arbeit geleistet. Nur wer ganz genau hinsah, erkannte noch die ausgebesserten Stellen im Holz. Wäre sie nicht selbst verantwortlich gewesen, hätte sie vermutlich nicht einmal bemerkt, dass hier vor wenigen Tagen ein kostbares Instrument in tausend Einzelteile zerlegt worden war.
Erst als ihr Blick auf den Fenstersims fiel, bemerkte sie den Ordner.
Neugierig nahm sie ihn in die Hand und schlug ihn auf. Bereits die erste Seite ließ sie stutzen. Schriftverkehr mit der Versicherung, Fotos der Schäden, Kostenvoranschläge von Restauratoren, Notizen zu Telefonaten und handschriftliche Anmerkungen am Rand. Jemand hatte viele Stunden investiert, um alles in die Wege zu leiten. Jemand hatte die Versicherung informiert.
Jemand hatte Restauratoren kontaktiert und Angebote verglichen.
Und dieser Jemand war nicht sie gewesen.
Mit einem Mal erinnerte sie sich, wie sie nach ihrer Wutattacke gemeinsam mit Klara unter der Dusche gestanden hatte. Wie erschöpft sie gewesen war. Wie sie sich anschließend einfach ins Bett gelegt hatte, während die Welt um sie herum weiterlief. Sie hatte keinen Gedanken mehr an den Flügel verschwendet – weder an die Reparatur noch an die Kosten.
Klara hatte sich darum gekümmert. Und wie zum Teufel hatte sie es geschafft, das als Versicherungsschaden durchzubekommen?
Sophie kannte Versicherungen gut genug, um zu wissen, dass sie normalerweise jede Ausrede nutzten, um nicht zahlen zu müssen. Dennoch lagen hier bereits sauber abgeheftete Angebote und Dokumente vor ihr. Offenbar besaß Klara ein Talent dafür, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, bevor andere überhaupt bemerkten, dass sie existierten.
Wie so oft in letzter Zeit.
Der zerstörte Flügel
Sophie von Wolfenstein - Teil 9
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Der zerstörte Flügel
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