Der zerstörte Flügel

Sophie von Wolfenstein - Teil 9

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Der zerstörte Flügel

Der zerstörte Flügel

Marvin Swan

Er hat mich genommen, als wäre ich nichts – und ich habe es zugelassen. Ich habe es sogar gewollt.“
Klara strich ihr zärtlich über die Wange.
„Ich weiß“, antwortete sie sanft. „Und es war gut, oder?“
Sophie nickte schwach.
Klara legte einen Arm um sie und zog sie wieder an sich.
„Du musst dich nicht mehr verstecken. Nicht vor mir. Nie mehr.“
Sophie blieb noch lange auf dem zerstörten Flügel sitzen, eng an Klara gelehnt. Die Wärme ihrer Schwester, der schwere Rotwein und die tiefe Erschöpfung legten sich wie eine schwere Decke über sie.
Eine Welle tiefer Erschöpfung überkam sie. Ohne sich zu waschen oder umzuziehen, tappte Sophie barfuß durch das dunkle Schloss in ihr Schlafzimmer und ließ sich schwer in die kühlen Laken fallen. Der Schlaf kam schnell – und mit ihm die Träume.
Der Schlaf riss sie mit sich, tief hinunter in etwas, das sie seit Jahren vermied.
Sie war wieder vierzehn.
Sie stand im Flur des alten Gestüts, die gepackte Tasche in der Hand. Ihre Mutter stand in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt. Das Gesicht war hart und müde, aber die Augen blickten weg.
„Es ist besser so, Sophie. Du störst hier nur.“
Hinter ihr stand der neue Mann – Klaras Vater. Er musterte sie mit kalter, distanzierter Neugier. Und halb im Schatten, halb im Licht, stand ein kleines Mädchen mit blonden Haaren. Klara. Sie sah sie neugierig an, fast erwartungsvoll.
Sophie wollte etwas sagen. Wollte schreien. Wollte bleiben. Doch ihre Mutter schob sie bereits hinaus. Die Tür fiel ins Schloss. Sie war allein.
Die Szene wechselte.
Sie war wieder sie selbst. Neunundzwanzig. Und sie lag nackt auf dem schwarzen Flügel.
Die Tasten drückten sich kalt in ihren Rücken. Der Flügel war nicht mehr intakt. Er war zerstört. Saiten hingen lose, Holz war zersplittert, tiefe Dellen und Risse durchzogen das glänzende Schwarz.

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