Der Puppenmacher

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Der Puppenmacher

Der Puppenmacher

Irena Böttcher

Liebevoll streichen seine Fingerspitzen über die in Lackglanz verpackten Füße, die nylonverhüllten Schenkel, die gummibedeckten Brüste, die lederumschlossenen Gesichtszüge.
Bald ist es soweit. Bald wird auch sie genau so sein, wie er sie haben will.
Als kleines, dummes Ding ist sie zu ihm gekommen; wie alle anderen vor ihr auch. Aber genau so mag er es; ein ungeformter Geist in wohlgeformtem Fleisch. Die Seele kann er gestalten; den Körper nicht.
Seufzend lehnt er sich in seinem Stuhl zurück, betrachtet das himmlische Wesen auf dem Untersuchungstisch. Gefesselt an Hand- und Fußgelenken, mit einem breiten Gurt über der Taille, der dafür sorgt, dass sie sich nicht aufbäumen kann.
Nicht, dass sie danach streben würde, sich auf diese Weise seinem Willen auch nur millimeterweise zu entziehen. Anfangs, ja, da war es noch anders. Soviel Mühe hat er sich mit ihr gegeben, lange mit ihr gesprochen, ihr alles erklärt, bevor er sie das erste Mal gefesselt hat. Ängstlich angesehen hat sie ihn, überwältigt von all den Worten; behauptete zitternd, alles verstanden zu haben. Und dann zappelte sie doch, wehrte sich. Verpasste ihm einen Kratzer an der Wange, der noch drei Tage später schmerzte. Schließlich musste er zu seinem eigenen Bedauern Gewalt anwenden. Nach dieser ersten gründlichen Auspeitschung war sie eine ganze Woche lang zahm. Mit Nadeln hat er sie traktiert und mit Wachs, und sie muckste sich nicht, ließ sich alles gefallen mit großen, furchtsamen Augen.
Er glaubte bereits, gewonnen zu haben. Doch nach einem Besuch bei einer Freundin kam sie als Wildkatze zurück. Erst als er ihr drohte, sie vor die Tür zu setzen, kam sie wieder zur Vernunft. Trotzdem brauchte es viele Wochen, bis sie wieder zu dem willigen Opfer wurde, das sie vorher gewesen war.
Aber jetzt widerstrebt sie nicht mehr.
Nur noch einen letzten Test muss er anstellen mit ihr. Übersteht sie ihn, ist sie perfekt. Er greift sich das Skalpell, sterilisiert es, sterilisiert auch die freie Stelle in all dem Gummi, die Haut unter ihren Brüsten. Sie spürt nur die Kälte des Mittels; weiß nicht, was geschieht. Die lederne Maske verschließt ihre Augen, ihre Ohren. Doch sie rührt sich nicht, zuckt nicht; atmet nur flacher, schneller.
Entschlossen setzt er die Klinge an, drückt sie in die perlmuttschimmernden Zellen, bis ihre Wände zerreißen und die ersten roten Tröpfchen erscheinen. Ein Laut wie ein leises Stöhnen kommt von ihr, jedoch keinerlei Abwehr.
Rasch führt er das Skalpell, setzt die Schnitte geübt, präzise. Dann probt seine Zunge, fährt genießerisch über seine Initialen, säubert.
Sehr zufrieden ist er mit ihr. Sie ist es wert, aufgenommen zu werden in seine Sammlung.
Die Spritze wartet schon. Direkt am Hals setzt er sie an, presst den Kolben herunter. Die farblose Flüssigkeit dringt ein in die Ader, beginnt bereits zu wirken, bevor er sein Tun ganz beendet hat. Wie eine Welle läuft es durch sie hindurch, die hinter sich erstarrtes Leben lässt.
Ein paar Minuten wartet er; es ist nicht nötig, denn er sieht an dem leichten Grauton ihrer Haut, es ist erreicht. Dennoch, er will ihn auskosten, diesen ganz besonderen Moment der Vollendung.
Endlich schnallt er sie los, hebt den schlaffen, noch warmen Körper auf, trägt ihn wie eine Kostbarkeit, den Flur entlang, bis zu der verschlossenen Tür. Gegen die Wand gestützt, um die Bürde nicht ablegen zu müssen, sucht seine rechte Hand nach dem Schlüssel in der Hosentasche, führt ihn ein, schließt um, betätigt die Klinke.
Die Tür schwingt auf. Mit dem Ellbogen streift er die Wand entlang, bis das Licht aufleuchtet. Viele tote Augenpaare starren ihn an. Überall sitzen, stehen, liegen sie, seine Werke.
Sanft lässt er sie herabgleiten auf den Boden, nimmt ihr zärtlich die Ledermaske ab.
Noch einmal liebkost seine Hand ihre Brüste, dann erhebt er sich, wendet sich zur Tür.
Er hat die leichte Bewegung in der linken Ecke nicht bemerkt, sieht nicht, wie Dutzende von Augen plötzlich kurz blinken und zum Leben erwachen, spürt nicht die Gefahr. Ein kollektiver Schrei lässt ihn zusammenfahren; seine Hände, Beine streben hinaus.
Zu spät.
Wie die Arme einer Riesenkrake stürzen sich von allen Seiten seine Puppen auf ihn.

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