Der Schliemer

1 1-3 Minuten 0 Kommentare
Der Schliemer

Der Schliemer

Richard Hebstreit

"Hat deu schon mal von hinge geschliemt?" fragt mich Kurti an meiner Weipert Drehbank in meiner ersten Lehrwoche. "Nee" antworte ich und bekomme rote Ohren. Das ich noch nicht mal von vorne "geschliemt" habe, sage ich Kurti nicht. Gerade vor einem Jahr sah ich das erste mal wie von der Seite "geschliemt" wurde. "Ficken" haben wir damals kaum gesagt. Umgangssprachlich hieß das bei uns fünfzehnjährigen Jungs in Südwestthüringen "Pimpern". Mit dem "schliemen", das konnte ich mir aber gleich denken, was Kurti meinte. Schließlich hat er es dann noch nachdrücklich auf hochdeutsch "pimpern" genannt und teilweise erklärt. Er machte es mit seiner Freundin jeden Tag so gegen Abend, prahlte Kurti - von vorn und von hinten. Nach ein paar Tagen stellte sich heraus, Kurti hatte seine Adelheid entweder von vorn oder von hinten angeschliemt. Kurti wagte es nicht gleich, seiner Familie aufzutischen, daß er Vater wird. Sein Vater würde ihm totschlagen, dachte Kurti.
Kurti bemühte sich, alles wieder rückgängig zu machen. Na, eigentlich bemühte sich erst einmal Adelheid alleine. Adelheid kletterte, wenn ihre Eltern nicht zu Hause waren, auf einen Stuhl und dann kletterte Adelheid auf einen Tisch. Dann sprang sie - vom Tisch. Adelheid sprang sehr oft und sehr lange. Es half nichts, all das Gehüpfe. Lediglich im Keller fiel der Lehmputz flatschenweise von der Decke. Auch das viele Heulen nützte nichts. Adelheid bekam zu ihren roten Haaren nun noch rote Augen.
Nun versuchte es Kurti mit seiner BK. Die BK war ein schweres Motorrad mit Kardanwelle, weil die DDR keine Motorradkettenproduktion hatte, mit der er und Adelheid zu einem Bahngleis kurz nach dem Abendzug nach Meiningen fuhr. Dann ging es im zweiten Gang zwischen den Gleisen auf den Schwellen ein paar Kilometer hin und zurück bis die Adelheid nicht mehr sitzen konnte und Bauchschmerzen bekam. Am anderen Tag bekam Adelheid Blutungen und Adelheids Mutter schleppte die Adelheid mit einem feuerroten Hintern und feuerroten Augen zu Doktor Kapeller. Kapeller meinte, Adelheid ist schon im fünftem Monat und sollte bitte nicht mehr Motorrad fahren. Kurtis Vater schlug Kurti nicht tot, sondern klatschte ihm zwei Ohrfeigen, eine rechts und eine links, so daß Kurti feuerote Bäckchen bekam und Kurtis Vater brüllte ein wenig hinter geschlossenen Fensterscheiben nutzlos herum. Dann ging Kurtis Vater zu Adelheids Vater und entschuldigte sich für seinen ältesten Sohn. Eine Stunde später wurde der Hochzeitstermin auf Tag und Stunde festgelegt. Tags darauf stand Kurti wieder neben mir neben der Weipert Drehmaschine. "Ich mud frei" sagte Kurti mit roten Ohren. Das heißt auf hochdeutsch "Ich muß heiraten". "Der Polterabend ist in 8 Wochen".
Zum Polterabend konnte die Adelheid kaum noch sitzen und war wohl die dickste Braut, die das Dorf je gesehen hatte. Es war ein schönes Bild, wie der dicke Pfarrer und die dicke Adelheid sich gegenüber standen und die Adelheid ohne rote Augen "ja" sagte. Kurti sagte mit roten Ohren auch "ja" und Kurtis Vater knirschte mit den Zähnen, weil ihm noch kurz vor der Trauungszeremonie ein schadenfroher Nachbar die Eisenbahnfuhren seines Sohnes verpetzte.
Inzwischen sind Jahre ins Land gegangen und viel Wasser ist die Werra hinunter geflossen. Neben der Werra verläuft ein ausgeleiertes Bahngleis. Und wie der Zufall so spielt, sitzt in der Diesellock eines der Züge, die noch täglich an der Werra entlang rumpeln, ein Lokomotivführer, dem die böse Strecke nicht viel ausmacht. Der Lokomotivführer heißt auch Kurt, so wie sein Vater.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 2139

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben