Seltsam, dass er sie nicht bemerkt hatte, als er das Restaurant betrat. Zu sehr hatte er sich auf seinen Geschäftspartner konzentriert, schließlich stand viel auf dem Spiel. Deshalb hatte er John auch zu seinem Lieblingsitaliener gebracht, in der Hoffnung, dass ihn die gewohnte Umgebung gelassener wirken lassen würde. Es war beim zweiten Glas Rotwein, die Vorspeise war gegessen, die offenen Fragen kurz angetestet und das Gespräch zurück in den gewohnten small talk abgeglitten. Sein Gesprächspartner erzählte von Kindern und Hausbau und Egmund ließ seine Augen durch das Lokal schweifen, während er mit äußerlich interessierte Miene in den richtigen Abständen zustimmen murmelte.
Sie saß an der Bar und sah sehr unwirklich aus. Von hinten war nicht viel von Ihrem Gesicht zu erkennen, doch der lange matt glänzende Taftrock, das enganliegende kurze Jäckchen mit einem Schößchen und die altmodischen, geknöpften Stiefeletten wirkten zwar irgendwie antiquiert, aber dennoch ungemein - passend. Die Frau bewegte sich kaum, sie saß mit geradem Rücken und übergeschlagenen Beinen da, als gehörte sie dort hin. Ihr Nacken stieg hell und wohlgeformt aus dem Kragen des Jäckchens, ging über in einen hochgesteckten Knoten aus dunklem Haar. Zigarettenrauch kräuselte sich und schien dennoch ähnlich bewegungslos über ihr zu schweben. Wie ein Magritte-Bild schien sie auf den ersten Blick dort hin zu gehören, mit ihrer selbstverständlichen Gelassenheit und dem Barkeeper, der ihr aufmerksam gerade einen neuen Drink brachte. Und dennoch, auf den zweiten Blick, war es ganz und gar unmöglich, dass eine solche Frau in einem Dortmunder In-Restaurant sitzen sollte. Zwischen Rock und Stiefeletten blitzen Nahtstrümpfe auf.
Die Verhandlungen nach der Hauptspeise waren jedes bisschen so unangenehm und zäh, wie er es befürchtet hatte. Angesichts der Umstände hatte er sich gut gehalten, fand er im Nachhinein.
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