Die Bank am Wanderweg

Graues Schamhaar – Teil 1

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Die Bank am Wanderweg

Die Bank am Wanderweg

Jo Diarist

„Ja“, krächzt er, holt tief Luft und fügt ebenfalls flüstern hinzu: „Es ist eine kleine Herde, die sich hier angesiedelt hat. Vorhin waren sie noch näher am Weg, aber eine Frau mit Hund kam ihnen zu nahe und sie sind weiter vom Weg abgerückt.“
Die Unbekannte rückt aber nicht wieder von ihm ab, nur ihre Hand zieht sie fast streichelnd von seinem Arm weg.
‚Warum macht sie das?‘, fragt sich Helge und alles in ihm ist in Aufruhr.
Das Gespräch reist nicht wieder ab, doch Helge nimmt kaum etwas vom Inhalt auf. Zu sehr verunsichert ihn der Körperkontakt.
Alles in ihm drängt zur Flucht und doch ist es so schön, diese Nähe zu fühlen. Es wirkt vertraut, aber auch beängstigend. Was geschieht hier nur?
Helge gelingt es nicht diese Gedanken weiter zu vertiefen, denn die junge Frau hat ihn in einen Dialog gezogen, dem er nicht entrinnen kann. Ehe er sich dessen richtig bewusstwird, hat er viel Persönliches von sich preisgegeben. Die Unbekannte weiß jetzt, dass er allein lebt, weil ihn seine Frau nach siebenundzwanzig Ehejahren verlassen hat.
Sie wollte sich neu orientieren, weil ihre gemeinsame Basis weggebrochen war, hat sie gesagt. Damals hat er es nicht verstanden, später erkannt, dass es seine Schuld war. Er hat mit und für seine Arbeit gelebt, was seiner Frau keinen Raum mehr ließ.
Statt aus seinen Fehlern zu lernen, wurde er zum Einzelgänger, der sich noch mehr in seiner Arbeit verlor. Er hielt alle auf Abstand und erst mit Eintritt in die Rente, wurde ihm das richtig bewusst.
Plötzlich seines Lebensinhalts beraubt, begann Helge einiges zu reflektieren, doch zu spät, um noch mal neu anzufangen. Seinen Job, in dem er fünfundvierzig Jahre ununterbrochen tätig war, hat ein jüngerer übernommen. Helge konnte nicht mehr mithalten, unter dem Druck, der neuerdings herrscht. Er wollte es auch irgendwann nicht mehr versuchen, denn es fehlte dieses Familiäre, was ihm alles gegeben hat.

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Da bin ich aber gespannt wie es weitergeht. Das kann sich ja in alle Richtungen entwickeln. Und schön geschrieben überdies!

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