Die blinde Irma

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Die blinde Irma

Die blinde Irma

Anita Isiris

Irma war mit Abstand die Hübscheste der drei Vergani-Töchter. Neidvoll blickten die Nachbarn den drei jungen Frauen nach, wenn sie etwa gemeinsam shoppen gingen, Irma in der Mitte, Leana links, Priska rechts. So gaben die beiden Schwestern Irma Orientierung, weil diese von Geburt an blind war. Allerdings hatte sie die schönsten das Universum widerspiegelnde Augen, die jemals geschaffen worden sind, aber natürlich nicht von Gott. Denn kein Gott dieser Welt kann solche Augen schaffen. Es muss eine Göttin gewesen sein, eine römische sehr wahrscheinlich, deren Geist bis heute über den toskanischen Villen, Hügeln und kleinen Kirchen schwebt, die diese ans Herz gehende Gegend schmücken.

Irma und ihre beiden Schwestern. Ein untrennbares Gespann. Die Liebe von Leana und Priska zu Irma, das tiefe Vertrauen der drei Schwestern ineinander hatte mit den Jahren dazu geführt, dass Irma sich weitgehend selbständig und sehr behände durch die Welt bewegen konnte. Denn sie war nicht nur mit ausserordentlicher Schönheit gesegnet, sondern auch mit ungewöhnlicher Intelligenz. Irma hatte die normale Schule besucht, und ihr Traum war es nun, Historikerin zu werden. Mit Bewunderung beobachteten ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen, wie Irmas Hände fliegend, wie zwei Schmetterlinge, die Braille-Schrift entzifferten, wie sie eine eigene, schwungvolle Handschrift entwickelt hatte, winzige Buchstaben, die wie Ornamente wirkten. Klar half es Irma, in einer Zeit zu leben, in der die gesamte Gesellschaft, alles jemals angehäufte Wissen, der ganzen Welt mit künstlicher Intelligenz zugänglich gemacht wird. Insgeheim wusste Irma aber, dass es gar keine künstliche Intelligenz gibt. Die Bezeichnung war für sie sinnfrei, weil die Menschen es bis dahin nicht einmal geschafft haben, „natürliche Intelligenz“ zu definieren. Und wo nichts Natürliches festgelegt ist, kann es auch nichts Künstliches geben.

Nein, Irma verstand eher etwas von Stochastik, der so genannten „Kunst der Vermutung“. Petabytes von Datenbergen, über Jahrzehnte angehäuft, wurden endlich einer vernünftigen Bestimmung zugeführt. Real-Time-Übersetzungen von Telefongesprächen, egal von welcher in welche Sprache und zurück. Video-Simulationen, die lippensynchron Texte lesen. Sehen konnte Irma diese Simulationen natürlich nicht, aber sie hatte eine enorme Vorstellungskraft und konnte sehr gut erahnen, was es bedeuten könnte, wenn der künftige amerikanische Präsident auf Instagram oder wo auch immer von sich gäbe, Russland würde binnen weniger Wochen in Schutt und Asche gelegt. Der ahnungslose Präsident, irgendwo in Mar-a-Lago, Palm Beach, Austern schlürfend, rundherum eine wegen ihm rasende Welt, und er bekäme es womöglich nicht einmal mit, weil zu alt, zu taub und zu ich-bezogen.

Die Schnittstellen zwischen realer und virtueller Welt waren das, was Irma am meisten faszinierte, und sie wollte sich als Historikerin mit der Frage auseinandersetzen, wie es denn sein kann, dass noch vor 200 Jahren die meisten Menschen auf dem Planeten in Armut vor sich hinvegetierten und heute, mit titanveredelten Handys, in Strassencafés sitzen. Die Arbeit, die wahre, harte Arbeit, machen immer andere, keine Ahnung wer. Erschöpfte, ausgelaugte Bankbeamte zum Beispiel arbeiten ja nicht wirklich. Sie sind einfach zu wenig widerstandsfähig.

Dasselbe gilt für verwöhnte Lehrer und Projektmanager, die mit 50 das Zeitliche segnen. Sei's drum. Richtig harte Arbeit leisten hingegen Kinder, die nach seltenen Metallen suchen und in Minen verschwinden, ohne sie jemals wieder zu verlassen. So sah Irma das. Aber ansonsten war sie eine herzensgute junge Frau, die sich sogar mit einer Igelfamilie angefreundet hatte, die jeden Abend den Park von Irmas Eltern, den Vergani-Park aufsuchten, in der Hoffnung auf ein bisschen in Milch aufgeweichtes Brot, das ihnen Irma täglich liebevoll bereitstellte.
Der Vergani-Park. Dort spielt nun die Geschichte, die Irma mit ihren zarten 21 Jahren erleben durfte. Im Hintergrund die baulich etwas zu wuchtig geratene Vergani-Villa, an den Mailänder Bahnhof und somit an Benito Mussolini erinnernd.

Irma räkelte sich auf der schweren, gusseisernen Garten- oder besser gesagt, Parkschaukel, und die toskanische Sonne brachte ihre dunklen Locken zum Leuchten. Es war kein gewöhnliches Leuchten, und natürlich ist das Haar aller Frauen faszinierend, wenn die Sonne darin spielt. Aber Irmas Haar war nicht einfach faszinierend. Es war magisch. Es fiel ihr über die nackten Schultern, spielte in ihrem Nacken, umfloss ihr Gesicht, ihr wahrhaft pittoreskes Antlitz. Dann flüsterte Irma zwei Worte in ihr speziell programmiertes Smartphone. „Sabeas Haus“. Das Smartphone reagierte sofort und führte Irma zu https://sabeashaus.buzzsprout.com Irmas Lieblingspodcast. Die berühmte Story um Sabea, die Krankenschwester, die eines Morgens im Keller ihres abgelegenen Hauses ein beängstigendes Rumpeln vernimmt, sich ein Herz fasst und nachschaut. Innert Minuten verändert sich das Leben von Sabea komplett. Die Erzählung ist dermassen voll von Irrungen und Wirrungen, von unerwarteten Wendungen, dass Irma die einzelnen Episoden immer mehrmals anhören muss und aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Irma kuschelt sich in die grossen, bunten Kissen auf der Schaukel und hört sich die Szene an, in der Sabea in einem Nonnenkloster Sex mit ihrem Geliebten hat. Die Episode ist derart plastisch beschrieben, dass Irma nicht anders kann, als ein wenig an sich herumzuspielen. Sie hat ein sehr feines Gehör und nimmt genauestens wahr, wenn sich jemand in ihrer Nähe aufhält. Sie weiss aber, dass ihre Schwestern Leana und Priska noch bei der Arbeit sind – beide verkaufen in ihren Semesterferien Eis in einer Gelateria, die wirklich sämtliche Farben anbietet, nebst unnachahmlichem Espresso aus einer luxuriösen italienischen De Longhi Kaffeemaschine. Irmas Eltern sind im Urlaub auf den Malediven, und nur Oreo, der lateinamerikanische Bedienstete, ist in Haus und Garten unterwegs. Irma mag ihn sehr, schon lange, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Aber die Schwingungen, die von Oreo ausgehen, berühren Irma durch und durch. Dieses Geheimnis behält sie aber sogar vor ihren Schwestern für sich, obwohl sich die drei jungen Frauen sonst wirklich alles erzählen.

Irma streichelt ihren Bauch und versucht, sich die Klosterzelle vorzustellen, in der sich Sabea und ihr Lover, der Assistenzarzt Ambrosius,
heimlich in der Nacht begegnen, in der Hoffnung, dass die Oberin nichts mitbekommt. Die beiden werden beherbergt, weil ihnen eine andere Unterkunftsmöglichkeit gerade fehlt. Selbstverständlich achtet die Oberin sorgsam auf strikte Geschlechtertrennung; das Liebespaar bezieht getrennte Betten an entgegengesetzten Enden des Korridors. Aber dann, in der Nacht, nähern sich die beiden einander an, und Irma mit ihrer enormen Vorstellungskraft visualisiert für sich sehr realitätsnah, wie der Mann kleine Schweisströpfchen unter Sabeas Achseln wegleckt und bei dieser somit Gänsehaut verursacht.

Das ist nur der Anfang des Liebesspiels, aber Irma findet die Vorstellung dermassen aufregend, dass sich ihre Hand in den Slip stiehlt und sie vorsichtig den Mittelfinger an ihre Spalte legt. Irma hat eine sehr empfindliche Clit, und natürlich hat sie schon oft daran herumgespielt. Aber noch nie hatte sie eine konkrete Gedankenvorlage, wie sie ihr die 24. Episode von „Sabeas Haus“ eingibt. Irma unterbricht ihr Streicheln und atmet tief durch. Darf sie das überhaupt, draussen, auf der Gartenschaukel? Sie hält die Augen geschlossen, obwohl es für sie keinen Unterschied macht, ob sie geöffnet oder geschlossen sind. Aber mit geschlossenen Augen kann auch die blinde Irma noch tiefer in sich hineinspüren, als wenn sie offen wären. Sie intensiviert ihr Streicheln, als sie liest, wie Sabea sich zu Ambrosius aufs Bett setzt und ihn mit ihrem Hintern wärmt. Wie er ihren weichen Mund spürt und kurz darauf ihren Bauch mit kleinen Küssen bedeckt.

Irma stellt sich vor, Oreo würde sich neben sie auf die Schaukel setzen, sich über sie beugen und ihren Bauch ebenfalls mit kleinen Küssen bedecken. Ambrosius küsst Sabea erneut und spielt gleichzeitig zwischen ihren Schenkeln. Das ist zu viel für Irma. Sie spreizt mit zwei Fingern ihre Vulva und sehnt sich nach etwas Hartem, Festem, das ihr Befriedigung verschaffen könnte. Weder Irma noch ihre Schwestern haben einen Dildo, geschweige denn einen Vib, in der Nachttischschublade, alle drei Schwestern arbeiten mit den Fingern, tief in der Nacht, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, wenn der Mond ihr Haar bescheint und sie sich unter der Bettdecke sicher fühlen. Als in der Podcast-Story der Assistenzarzt seine Geliebte mit langsamen, genussvollen Stössen nimmt, kommt Irma. Sie kommt leise, diskret, denn es ist ihr bewusst, dass sie draussen auf einer Schaukel liegt und sich exponiert.

Dann spürt sie in ihrem Nacken einen Atemzug. Sie fährt kurz zusammen, ist aber viel zu erregt, um auszuweichen. Der Atem kitzelt ihren Nacken und verstärkt ihre Erregung. Dann spürt sie an ihrem Ohrläppchen eine Zungenspitze. Obwohl sie noch nie eine Zungenspitze gesehen hat, ist ihr sehr wohl bewusst, was damit alles angestellt werden kann. „Was hörst du denn da, Liebe“? Die Stimme von Oreo. Er weiss, dass von Irmas Vater die Todesstrafe ausgesprochen werden würde, sollte sich der Bedienstete einer der drei Töchter nähern. Am liebsten wäre dem Vater beim Einstellungsverfahren ein Eunuch gewesen, oder ein ausgewiesener Schwuler, obwohl man bei denen nie so genau weiss. Schliesslich haben auch Frauen einen Anus, und wenn man die Augen schliesst und sich beim Eindringen einen Mann vorstellt... könnte bei Irma, Leana und Priska sowie bei seiner Frau auch ein Schwuler auf seine Kosten kommen, so die homophoben Gedanken von Irmas konservativem Vater, einem Grossindustriellen.

Irma mochte sich Oreo nicht entziehen, und sie fühlte sich mit einem Mal seltsam sicher. Weil die beiden Schwestern und die Eltern abwesend waren, bestand die einzige Gefahr darin, dass Oreo sie beim Masturbieren auf der Schaukel entdecken könnte. Nun hatte er sie aber nicht nur entdeckt, sondern war an ihr in sehr diskreter, angenehmer Weise zugange. Ich höre „Sabeas Haus“, sagte Irma leise. „Die beste Podcast-Story, die du dir vorstellen kannst. 50 Episoden.“
„Kenne ich“, sagte Oreo zu Irmas Überraschung. „Sabea ist sowas von geil, nicht? In jeder Episode eigentlich. Ich stelle mir immer ihren grossen Hintern vor, über den sie sich nervt“, lachte Oreo. Dann berührte er sanft Irmas Brüste. „Wollen wir ein wenig Sabea und Ambrosius spielen?“, flüsterte er in Irmas Ohr. Diese war halb bewusstlos vor Lust und Aufregung. „Hier, auf der Schaukel?“. „Wir haben noch eine halbe Stunde, bis Leana und Priska zurück sind“, entgegnete Oreo.

Dann küsste er zärtlich Irmas Augenlider. Diese knöpfte langsam ihr Kleid auf, wissend, dass es die Brüste waren, die Männer so richtig anmachen. Frauenbrüste. Irmabrüste. Sie hatte sie noch niemals einem Mann gezeigt, ihre Titten, aber natürlich gab es viele Kommilitonen, und auch der Metzger, der Macellaio im Dorf, der mürrische Polizist und der eine oder andere Dozent hatten sich Irma schon als Kopfkino-Schauspielerin hergenommen. Es war besser für Irma, dass sie davon nichts ahnte und auch davon nicht, was der Dozent mit ihr im staubigen Hörsaal zu tun gedachte, oder der Macellaio im Kühlraum, zwischen den ausgeweideten Tieren, oder der mürrische Bulle mit seinem Plastikknüppel. Irmas Welt war eine heile Welt. Die Welt einer Villa, die Welt liebender Schwestern, die Welt einer Igelfamilie, die Welt der Historie, der Literatur, der Menschheitsentwicklung und der Sinnfindung.

Liebevoll berührte Oreo Irmas nackte Brüste, wohl ahnend, dass es das erste Mal überhaupt war, dass sie dort von einer Männerhand gestreichelt wurde. Entsprechend sensibel ging er vor, und dazu küsste er Irmas Hals. Dann ging er um die Schaukel herum und setzte sich neben Irma. „Es gibt doch da diese Stelle, in der Ambrosius ins weiche, warme Fleisch von Sabeas Hintern greift...“, sagte er. Oreo kniete sich zwischen Irmas Beine, zog ihren Slip ein wenig herunter, griff mit beiden Händen an Irmas Hintern, zog sie zu sich heran und versank mit seinem Kopf zwischen ihren Schenkeln. Irma stöhnte laut auf, gleichzeitig schämte sie sich zu Tode. Gehörte sich das? Durfte man derart intensiv Lust empfinden, wie sie es gerade tat? Oreo schob ihre Schenkel noch ein klein wenig weiter auseinander und sog den Duft von Irmas Muschi ein. Dann leckte er sie gekonnt, denn im Gegensatz zu Irma hatte Oreo bereits da und dort Erfahrung sammeln dürfen – etwa bei Irmas Mutter, die ihrer Tochter, was Schönheit angeht, in nichts nachstand. Sie hatte warme, volle Brüste, einen anziehenden Knuddelbauch und eine Möse, die Oreo vor allem auch deshalb scharf machte, weil er sich vorstellte, wie der Ehemann, vermutlich einmal die Woche oder so, darin herumturnte.

Dann war Irma endgültig so weit. „Nimm mich, bitte“... flüsterte sie und vergrub ihre Hand in Oreos Haarschopf, um ihn noch näher an sich heranzubringen. „Nimm mich...“. Dann fielen alle Hemmungen von den beiden ab und versanken im Gras rund um die Schaukel. Oreo und Irma versanken ineinander mit einer Leidenschaft, die die Göttin, die Irmas Augen und ihren herrlichen Körper erschaffen hatte, ins Tiefste hinein erfreute. Irma krallte sich an Oreos Schultern fest, als dieser so tief in sie hinein drang, wie ihre Anatomie das erlaubte, dann hielt er kurz inne, stiess zu, hielt inne, stiess zu. Bei den bisherigen Frauen hatte er damit die beste Erfahrung gemacht. Also nicht einfach drauflosrammeln, sondern mit kleinen Unterbrüchen, auf dass sich das Sehnen des weiblichen Gegenübers ins Unermessliche steigere.

Dann liess Oreo widerwillig von Irma ab, entzog sich ihr. „Deine Schwestern kommen bald“, sagte er entschuldigend, verschwieg aber natürlich, dass er Leana und Priska auch schon gehabt hatte, wieder und wieder, manchmal auch beide gleichzeitig. Warum denn nicht?

Oreo erhaschte einen letzten Blick auf Irmas dralle Nippel und versank dann in ihren dunklen Augen, die das Universum widerspiegelten. Während Irma ihren Slip hochzog, ihr Kleid zuknöpfte und es richtete, lächelte sie ihrem Liebhaber zu. „Wie Sabea und Ambrosius“, sagte sie andächtig. „Wie Sabea und Ambrosius“, echote Oreo.

Und „die nächsten Episoden von Sabeas Haus hören wir uns gemeinsam an. Bitte...“

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