Die Einladung

Berufsgeheimnisse - Teil 2

37 15-24 Minuten 0 Kommentare
Die Einladung

Die Einladung

Alnonymus

Oh je, denke ich nur. So warte ich noch eine viertel Stunde, bevor ich den Flur hinunterschlendere zu dem Büro, dass sich Anke mit einem Kollegen teilt. Mit ihm habe ich bereits gesprochen, und so gehe ich direkt auf den Schreibtisch meiner Kollegin zu. „Guten Morgen.“ wünsche ich ihr, als sei nichts gewesen. „Guten Morgen.“ murmelt sie leise, ganz entgegen ihrer sonstigen Art, wobei sie mir nur Sekundenbruchteile in die Augen sieht. Sie ist wohl tatsächlich beschämt und verunsichert. Ohne mir etwas anmerken zu lassen, frage ich sie nach ihrem Baustellenbesuch letzten Freitag, und je länger wir uns unterhalten, desto selbstsicherer wird sie, kann mir zwischendurch sogar mal in die Augen sehen. Der erste Schritt ist gemacht.

In den nächsten Tagen gewinnt Anke ihr normales Verhalten mehr und mehr zurück. Dabei habe ich manchmal den Eindruck, als würde sie kurz überlegen, mich auf unser Erlebnis anzusprechen, doch sie lässt es, vielleicht auch, weil ich mir immer noch nichts anmerken lasse. Für mich ist es einfach eine geile Erinnerung, für sie vermutlich eher ein Alptraum, den man möglichst schnell, möglichst weit hinter sich lässt. Ein viertel Jahr später kündigt Anke dann völlig unerwartet, da sie eine Halbtagsstelle in ihrer Heimatstatt gefunden hat. Ganz unumwunden gibt sie zu, dass dies die beste Arbeitsstelle ist, die sie je hatte, aber die Wochenendpendelei nicht nur eine Belastung für sie persönlich ist, sondern auch für ihre Ehe. Nur deshalb hat sie sich so entschieden. Auch wenn wir es schade finden, verstehen wir sie doch nur zu gut. Ich überlege: Ihrem Mann hat sie von unserer heißen Nummer bestimmt nichts gesagt, aber vielleicht war es ja die Initialzündung, ihre Situation zu überdenken. Na, dann hat es wohl noch nie so viel Spaß gemacht, eine Ehe zu retten.

An ihrem letzten Arbeitstag, hat Anke kalte Platten organisiert, die sie in unserem Besprechungszimmer anrichtet. Es wird eine ausgedehnte Mittagspause, bei der auch ihr Mann dabei ist. Da unser Niederlassungsleiter leider erkrankt ist, verabschiede ich unsere Kollegin herzlich mit einer kleinen Rede. „Also, wenn du mal wieder Sehnsucht nach Berlin hast, und ein oder zwei Tage hier verbringen möchtest, dann melde dich einfach. Du bist uns auch als Gaste immer herzlich willkommen. Ruf einfach an, ich kümmere mich gerne um alles. … Vielleicht kann ich dich dann ja auch mal wieder zu einem besonderen Abendessen einladen.“ schließe ich meine Rede, ohne eine Miene zu verziehen, sehe aber, wie Anke für Sekunden die Gesichtszüge völlig entgleiten. Sie weiß genau, worauf ich anspiele, und vermutlich hat sie unsere heiße Nummer völlig verdrängt, doch den kleinen Stich kann ich mir einfach nicht verkneifen. „Das gilt selbstverständlich auch für deinen Mann.“ ergänze ich noch, so als wäre mir gerade erst aufgefallen, dass ich mich etwas ungeschickt ausgedrückt habe. Damit endet dann auch das Kapitel mit Anke, und überhaupt mit Kolleginnen, denn kurze Zeit später lerne ich meine jetzige Frau kennen. Und seit ich sie kenne, gibt es sowieso keine andere mehr für mich.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 5622

Weitere Geschichten aus dem Zyklus:

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben