Für die knapp 5 Kilometer bis in die Klinik brauche ich sagenhafte 35 Minuten.
Nicht ungewöhnlich, nachmittags zwischen 16 und 17 Uhr. Und dann noch die unermüdliche Parkplatzsuche. Selbst im Parkhaus gibt es kaum noch freie Stellplätze. Nochmal 10 Minuten bis ich Etage für Etage abgegrast, und ich meinen Audi in eine eigentlich zu kleinen Lücke gequetscht habe.
Abgekämpft und entnervt erreiche ich die Babystation. Am Schwesternzimmer lächelt mich ein junges Mädchen an. An ihrer Brust steckt ein Namensschild ‚Silke‘.
„Hallo, ich möchte bitte zu Frau Katharina Neumann.“
„Die liegt auf Zimmer 1211 und erwartet Sie schon.“
Immer noch ziert ein zauberhaftes Lächeln ihr feines Gesicht. Gerade will ich mich abwenden und gehen. Dann schießt es mir in den Kopf, dass ich sie vorhin am Telefon ziemlich unfreundlich abgefertigt habe. Abrupt bleibe ich stehen, gehe den halben Schritt wieder zurück und blicke sie an.
„Hören Sie, es tut mir leid, dass ich Sie vorhin so angefahren habe. Ich war so in der Arbeit vertieft, dass mich der Anruf nicht nur gestört, sondern auch genervt hat. Bitte entschuldigen Sie, ok?“
„Kein Problem, ich habe es unbeschadet überlebt. Nur schade, dass ich sie bei meinem ersten Versuch nicht erreichen konnte.“
„Erster Versuch …? Mist!“, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Schnell drehe ich mich um und gehe los.
„Falsche Richtung! Sie müssen hier lang.“, ruft Silke hinter mir her und zeigt genau in die entgegengesetzte Richtung den Flur entlang.
„Nur keine Eile, Sie sind eh zu spät!“, zuckt sie mit den Achseln, als ich wieder an ihr vorbeikomme.
„Wie, zu spät?“, frage ich kurz zurück.
„Lassen Sie sich überraschen!“, lächelt sie mir zu.
Verhalten klopfe ich wenige Augenblicke später an die breite Tür von Zimmer 1211. Ein leises „herein“ lässt mich die Klinke nach unten drücken. Vorsichtig schiebe ich meinen Kopf durch den sich öffnenden Spalt. Dort liegst du, abgekämpft und müde. Strähnig und nassgeschwitzt liegen deine Haare auf dem Kissen. Du liegst auf der Seite. Es fällt dir sichtlich schwer, deine Augen offenzuhalten. Immer wieder fallen dir die Lider zu. Eng vor dir liegt ein kleines Bündel aus Decken und Tüchern. Winzige Finger, zur Faust geballt, strecken sich dir entgegen. Das ist so ein überwältigender, rührender Anblick, dass es mir sofort die Tränen in die Augen treibt.
„Darf ich dir deine Tochter Lea vorstellen?“, deine Stimme klingt kraftlos. Längst stehe ich an deinem Bett. Vorsichtig schiebe ich einen Zipfel der Decke zur Seite. Ihre Augen sind geschlossen. Sie ist wunderschön! Die Haut noch etwas schrumpelig, aber schon zartrosa. Ein leichter Haarflaum bedeckt ihren Kopf. Es sind dunkle Haare, wie die ihrer Mutter. Deine Brustwarze steckt in ihrem Mund. Nur manchmal zuppelt sie ganz leicht an ihr, so als würde sie süß vor sich hinträumen.
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