Die Flugbegleiterin - Teil 4

Fester Boden unter den Füßen

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Die Flugbegleiterin - Teil 4

Die Flugbegleiterin - Teil 4

Gero Hard

Marco kommt an: ‚Man, hier bei Tobi einen Parkplatz zu finden, ist jedes Mal ein Abenteuer. Aber da, eine passende Lücke.‘ Gerade als ich einlenken will …, wildes Gehupe! Vor mir steht eine blonde Furie, die mir irgendwas Unverständliches entgegenbrüllt, dabei wild mit den Armen wedelt und mir damit wohl sagen will, dass sie den Parkplatz für sich beansprucht.

Eigentlich ganz süß, wie sie sich so aufregt. Ich lasse sie sich austoben. Dann gebe ich nach. Wenn es sie denn

glücklich macht …! Im Rückspiegel sehe ich sie einparken, als ich an ihr vorbeifahre. Sie braucht 2-3 Anläufe. Ich muss wieder schmunzeln. ‚Typisch … Frau am Steuer, Abenteuer‘, fällt mir der uralte Spruch ein.

Eine Querstraße weiter werde ich dann auch fündig und stelle meinen fahrbaren Untersatz vorschriftsmäßig ab. Die paar Schritte zu Fuß machen mir nichts aus.

Frauke kommt an: ‚Hey, was fällt dem Idioten denn ein? Ich habe die Lücke zuerst gesehen! Fährt mir der Spacken auch noch fast in die Karre! Na warte, dir zeige ich erstmal meine wütende Faust.‘ „Hau da mal ab!“, schreie ich laut und fuchtle wild mit meinen Händen in der Gegend rum. Natürlich hört der nicht, was ich rufe, die taube Nuss. Na Gott sei Dank, er setzt zurück. Lieb, dass er mir den Vorzug lässt. Sein Gesicht sieht interessant aus. Gefällt mir. Über den Rückspiegel sehe ich ihm nach. Mist, das lenkt mich zu sehr ab. Na ja, einparken war sowieso noch nie meine Stärke.

‚Hausnummer …, da ist Nummer … und das da ist…, dann muss hier … sein. ‚Rolfes‘, da steht es ja auch!‘

„Da will ich auch hin!“, erschrickt mich eine basslastige, wohlklingende Stimme von hinten.

„Was ...  wer?“, drehe ich mich um und schaue in die braunsten Augen, die ich je gesehen habe. Der Typ von eben!

„Zu ‚Tobias Rolfes‘, da will ich auch hin!“ sagt er mir nochmal. Als hätte ich das nicht schon beim ersten Mal verstanden. ‚Blöder Fatzke‘, denke ich.

„Hi, ich bin Marco.“, stellt sich der Fatzke vor.

„Frauke.“, antworte ich kurz angebunden. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass mich der Fatzke von oben bis unten mustert. Kann ich ihm nicht verübeln, mach ich bei ihm gerade genauso.

„Drücken …, die Klingel da.“, zeigt er mir mit einem Nicken an. Na klar, drücken. Sofort gibt der Türöffner das Schloss frei. Wortlos steigen wir zusammen in den Fahrstuhl, der uns flott bis unters Dach bringt.

Tobias ist dran: Ich bin etwas überrascht, als Marco in Begleitung einer blonden Schönheit aus dem Fahrstuhl kommt. „Guck mal, was ich draußen gefunden habe!“, lacht er mich an, „Stand planlos im Eingang. Da dachte ich, ich bring sie einfach mal mit.“, zuckt er lächelnd mit den Schultern.

Mit zusammengekniffenen, wütenden Augen sieht sie Marco an. Ich löse die Situation auf.

„Hi, du musst Frauke sein, Kathi’s Schwester!“, halte ich ihr meine Hand hin.

„Endlich mal einer mit Anstand! Hier, guck dir das an, so geht das!“ giftet sie Marco an.

„Ja stimmt, ich bin Frauke.“ 

„Schön, dass du da bist. Ich darf doch ‚Du‘ sagen? Ich bin Tobias, besser Tobi.“ 

„Klar darfst du ‚Du‘ sagen.“, lächelt sie mich mit ihren blendendweißen Zähnen an.

„Na, dann kommt mal rein, ihr zwei! Kathi erwartet euch auf der Dachterrasse.“ 

Gemächlichen Schrittes geht Frauke den Flur entlang ins Wohnzimmer. Jedes Detail der Dekoration wird von ihren Augen förmlich aufgesogen. Ich weiß ja nicht genau, was Kathi ihr alles über mich erzählt hat, aber der Anblick scheint sie angenehm zu überraschen.

Kathi hat nicht übertrieben, Frauke sieht fast aus, wie die jüngere Ausgabe ihrer älteren Schwester. Die gleiche anmutende Figur, etwa gleich große Brüste, zierlich aber nicht zerbrechlich und strohblond, aber nicht blöd. Mit einem Seitenblick sehe ich, dass auch Marco seine Augen nicht von diesem wirklich scharfen Gerät abwenden kann. Muss er auch nicht, er kennt meine Wohnung ja schon.

„Na komm, Digga, lassen wir die zwei Engel mal nicht warten!“, ziehe ich meinen Freund in Richtung Terrasse.

Kathi macht weiter: Schwesterchen, da bist du ja! Schön, dass das geklappt hat.“, fest drücke ich meine Sis mit Bussi rechts und links an mich.

Dann kommst du nach draußen. Hinter dir taucht ein sportlicher, junger Mann auf. Einen Tick größer als du. Dunkle Haare. Unter seinem T-Shirt versteckt sich ein hübscher Oberkörper. Gut definierte, braune Oberarme und eine muskulöse Brust deuten auf regelmäßigen Besuch eines Fitnessstudios hin. Nicht schlecht, wenn ich etwas jünger wäre, dann … nein, von solchen Jünglingen bin ich kuriert. Ich liebe, was ich habe und das gebe ich unter keinen Umständen wieder her! Wie schnell sich dieser Wunsch in Luft auflösen kann, ahne ich nicht.

„Darf ich vorstellen, mein bester Freund und Kollege, Marco.“, stellst du uns den hübschen Kerl vor.

Sofort stehst du neben mir, fasst mich zärtlich um die Hüfte und ziehst mich an dich.

„Und das ist mein Engel Katharina.“, ergänzt du an Marco gerichtet.

„Und das ist Frauke, meine Schwester.“, füge ich an.

„Wir beide kennen uns schon.“, erklärt Frauke mit rotem Kopf. „Der Held wollte mir den Parkplatz klauen, hat ihn mir dann aber doch gnädig überlassen.“

„Der Klügere gibt nach.“, grätscht Marco rein. Für den Spruch kriegt er von Tobi einen leichten Hieb in die Seite.

„Ok, lass uns das Kriegsbeil begraben.“, hält er Frauke seine Hand hin.

„Frieden!“, antwortet sie, während sie mit einem hübschen Lächeln seine Hand schüttelt.

Ich drücke jedem ein Glas Sekt in die Hand.

„Schön, dass ihr beide kommen konntet. Ich freue mich dich kennenzulernen, Marco! Auf einen gemütlichen Nachmittag.“ Zum Anstoßen treffen sich die vier Gläser in der Mitte.

Es wird eine kurzweilige Runde. Sehr gelöst und locker. Auch zwischen Frauke, Marco und mir entwickeln sich angeregte Gespräche. Ich bin für Getränke und das leibliche Wohl verantwortlich. Salate, Dressings und sowas hole ich aus der Küche. Mir entgeht nicht, dass sich Frauke und Marco immer besser verstehen. Meine anfängliche Angst, die Chemie könnte nicht stimmen, ist schnell verflogen.

Tobi kümmert sich um den Grill. Klar … Männersache!  „Ich muss euch beiden Mäusen mal kurz den Marco entführen. Ich habe was mit ihm wegen Morgen zu besprechen.“,ziehst du den Junggesellen aus unserer Mitte und verschwindest mit ihm im Wohnzimmer.

Ich kann mir schon denken, was du mit deinem Freund zu besprechen hast. Es wird um Morgen gehen und warum du nicht zur Arbeit kommen kannst. Ich weiß, dass du rücksichtsvoll genug sein wirst, um nicht alles zu verraten, was sich in den letzten Tagen ereignet hat.

„Wow! Was ist das denn für ein Prachtexemplar?“, fragt mich Frauke.

„Welcher, Marco oder Tobi?“, frage ich lachend zurück.

„Na der Marco! Erst dachte ich, was für ein Arsch. Aber er ist echt ein Netter. Und gut aussehen tut er noch obendrein. Der hat doch sicher ne Freundin, oder meinst du nicht?“ 

„Ne Freundin? Keine Ahnung, ich glaube nicht. Und ja, er ist ein ganz netter. Tobi mag ihn sehr. Er ist ein echter Freund, sagt er. Treu und absolut verlässlich.“

Ich glaube, sie hat sich in ihn verguckt. ‚Nachtigall ick hör dir trapsen‘.

„Dein Tobi ist aber auch ein klasse Typ. Du hast nicht übertrieben bei deiner Schwärmerei. Ihr passt perfekt zusammen und seht echt toll nebeneinander aus. Ich drücke euch ganz fest die Daumen. Meinen Segen habt ihr. Und du weißt, ich irre mich selten in solchen Sachen.“, legt mir Frauke die flache Hand auf meinen Oberschenkel. Kurze Zeit später kommen „unsere“ Männer zurück. Ich kann keine abschätzigen Blicke, oder sonst eine Veränderung mir gegenüber an Marco erkennen. Also alles in Ordnung, stelle ich beruhigt fest.

„Zeit zum Essen.“, bestimmst du. Ein schöneres Kennenlernen geht, glaube ich, nicht.

„Was machst du so und du?... Aha, wie interessant …!“, und, und, und … so geht das ewig hin und her.

Am Ende des Tages sind wir uns alle sicher: Das war nicht das letzte Mal, dass wir uns in dieser Konstellation getroffen haben. Oder doch? Wer weiß …!?

Es ist fast 21 Uhr, als es uns draußen langsam zu kühl wird. Alle zusammen räumen mit ab und unsere Gäste nutzen gleich die Gelegenheit, sich mit freundschaftlichen Umarmungen von uns, und voneinander, zu verabschieden. Morgen ist Montag, da heißt es für alle früh raus aus den Federn.

Auch für uns wird es ein spannender Tag werden. Ich bin schon sehr aufgeregt. Was da wohl auf mich zukommt? Werde ich dort Felix begegnen?

„Tobi mein Schatz, ich muss dringend ins Bad.“, lasse ich dich wissen.

„Alles ok?“, fragst du zurück.

„Ja, alles gut. Meine Tage, du weißt schon.“ Ich verschwinde im Bad, während du den Geschirrspüler bestückst.

Schmierblutungen, komisch! Ok, hat man ja mal. Aber bei mir sind sie äußerst selten. Über die Jahre kenne ich meinen Körper genau. Ich erkenne die Anzeichen, wenn meine Periode beginnt, weiß wie lange sie dauert, und wann es wieder vorbei ist. Sicher nur die Aufregung vom Freitag und der Stress, beruhige ich mich selbst. Wenn die am Dienstag nicht weg sind, werde ich mir einen Termin bei meiner Frauenärztin besorgen müssen. So ganz lässt mir das doch keine Ruhe. Es passt einfach nicht zu mir.

Alles in allem war das ein wirklich schöner Tag. Nachdem alles aufgeräumt ist, fallen wir erschöpft ins Bett.

„Tobi, ich habe etwas Angst wegen Morgen. Was denkst du, wird das geben?“ Eng drücke ich mich an dich heran und sehe dich ängstlich an.

„Ich werde bei dem Gespräch nicht dabei sein dürfen. Aber ich werde im Flur auf dich warten. So weißt du, ich bin in deiner Nähe, und es kann dir nichts passieren. Und zur Sache sagst du am besten genau das, was du auch dem Arzt und der Flughafenpolizei gesagt hast. Dann wird das schon.“ 

Deine feste Stimme und deine feste Umarmung beruhigen mich. Von den außergewöhnlichen Blutungen sage ich dir nichts. Damit möchte ich dich nicht beunruhigen.

****

07.30Uhr. Dein Wecker reißt uns unerbittlich aus dem tiefen Schlaf. Angekuschelt bin ich gestern eingeschlafen. Wohl behütet konnte ich sogar traumlos durchschlafen.

  1. Etage, Zimmer 322. „Sekretariat“ steht auf dem Türschild. Verhalten klopfe ich an. Eine weibliche Stimme bittet mich herein. Vor ihrem übergroßen, weißen Schreibtisch bleibe ich stehen. Eine etwas dickliche, ältere Dame mit dicker Hornbrille sieht mich über ihren Brillenrand hinweg an: „Frau Katharina Neumann?“ fragt sie kurz. Ich nicke nur. „Dann bitte hier entlang.“

Ich folge ihr mit respektvollem Abstand in einen kleinen Besprechungsraum, wo ich von zwei Herren in dunklen Anzügen und zwei Frauen in Airline-Uniform empfangen werde. Von Felix keine Spur.

Von allen Beteiligten, mir inklusive, beginnt ein vorsichtiges Taxieren mit den Augen. Und nach den üblichen Begrüßungsfloskeln geht’s dann auch mit der Befragung los.

Fast eineinhalb Stunden lang muss ich Rede und Antwort stehen. Jedes Detail des ärztlichen Berichtes hinterfragen sie. Ich merke, wie sie versuchen, mich in Widersprüche zu verwickeln, aber es gelingt ihnen nicht. Haarklein muss ich den Vorfall im Crewraum noch mal mit meinen eigenen Worten schildern.

Vor den Herren ist mir das ungeheuer peinlich und die beiden jungen Damen werden dunkelrot bei meinem Bericht. Ich kann ihnen ansehen, wie sehr sie von dem angewidert sind, was mir der Kollege da angetan hat. „Und was wollen Sie jetzt tun, Frau Neumann?“, fragt mich der Ältere der Herren.

„Ich bitte Sie darum, nie wieder mit Herrn Baumgart fliegen zu müssen. Wenn möglich, möchte ich aus persönlichen Gründen künftig nur noch Inlandflüge fliegen. Sollte das nicht machbar sein, bitte ich darum entlassen zu werden.“, sage ich bestimmend mit festem Blick in die Runde. Die 4 sehen sich betroffen an, bis der Ältere wieder das Wort führt.

„Ich kann Sie beruhigen. Herr Baumgart sitzt bis zur Verhandlung, zu der es ganz sicher kommen wird, in Untersuchungshaft. Sie werden ihm bis dahin nicht mehr begegnen. Ihr Einsatzplan wird auf Inland geändert. Aber erst nehmen Sie sich noch diese Woche frei und dann Kontakt zu unserem Psychologischen Dienst auf. Dort vereinbaren Sie ein paar Therapiestunden, das wird Ihnen helfen. Und bitte, nehmen Sie unsere tiefempfundene Entschuldigung an, auch im Namen und Auftrag der Airline.“

Kein Stein, sondern ein Felsbrocken fällt mir vom Herzen. Unbeschreibliche Erleichterung überkommt mich.

Niemals hätte ich mit solch einem Ausgang der Befragung gerechnet. Die Airline steht hinter mir. Gut zu wissen. Bevor ich das Büro verlasse, bekomme ich von der Hornbrille noch einen großen Umschlag überreicht, in dem der eben gefasste Beschluss schwarz auf weiß zu lesen ist. Ich kann es immer noch nicht glauben.

Aufgewühlt sitzt du auf einer Holzbank, die irgendwo im Flur an der Wand steht. Dein rechtes Bein zittert nervös auf und ab. Als ich aus dem Büro komme, springst du sofort auf und kommst mir entgegen. Ich werfe mich in deine offenen Arme. Jetzt, wo die Anspannung weg ist, weine ich haltlos in deine dünne Sommerjacke. Geduldig lässt du mich weinen, bis ich mich selbst von dir löse.

Zusammen sitzen wir jetzt auf der Holzbank. Ich erzähle dir vom Ausgang der Befragung. Überglücklich verlassen wir 15 Minuten später das prunkvolle Gebäude der Airline.

„Komm, ich lade dich auf ein leckeres Eis ein.“, ziehst du mich mit.

„Schatz, nach einem langen Spaziergang ist mir jetzt nicht. Ich habe gerade fiese Unterleibsschmerzen. Die Aufregung und meine Periode, du weißt schon.“ 

„Ist nicht weit, wir nehmen das Auto.“, beruhigst du mich. In dem kleinen Café genehmige ich mir erstmal eine Ibu400. Vielleicht geht’s mir dann besser.

Viel besser wird‘s aber auch damit leider nicht. Ich muss auf die Couch. Wie selbstverständlich weichst du mir nicht von der Seite. Machst mir Tee, holst eine Wärmflasche …, einfach rührend, wie besorgt du dich um mich kümmerst. Was mache ich bloß, wenn du mal nicht da bist? Leider müssen wir heute den ganzen Tag in der Wohnung bleiben, weil es mir nicht besonders gut geht.

Allerdings bestehst du darauf, dass ich heute schon bei meiner Frauenärztin anrufe, um einen Termin zu machen. Ich darf gleich morgen früh vorbeikommen. Ich muss alleine hin, was auch nicht weiter tragisch ist, das bin ich gewohnt. Außerdem musst du wieder zur Arbeit.

Fortsetzung folgt …

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