Die Flugbegleiterin - Teil 6

Fester Boden unter den Füßen

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Die Flugbegleiterin - Teil 6

Die Flugbegleiterin - Teil 6

Gero Hard

Ich greife neben das Sofa und angele nach irgendeinem Kleidungsstück von uns. Ich erwische mein T-Shirt, mit dem ich mich abtrockne. Ok, das ist dann wohl reif für die Waschmaschine.
Es ist mir wichtig das du weißt, dass überhaupt nichts Schlimmes passiert ist. Nichts, wofür du dich entschuldigen musst, oder was dir peinlich sein muss. Es ist ein schönes Kompliment für mich, wenn du dich so sehr fallenlassen kannst. Einen größeren Beweis deines grenzenlosen Vertrauens kannst du mir nicht machen. Und genau das sage ich dir auch, als ich dich fest umarme und die Tränen trockne, die dir deine Wangen hinablaufen. Und jetzt, wo alles wieder gut und geklärt ist, müssen wir duschen und die Mischung unserer Körpersäfte der Kanalisation überlassen. Natürlich gehen wir zusammen unter die Brause, aber ohne weitere „Vorkommnisse“.

Erschöpft schlafen wir später zusammen ein. Nach all den Monaten mit dir kommt es mir immer noch wie ein Wunder vor, dass ich so einen Engel wie dich kennen und lieben lernen durfte. Ich kann dem lieben Gott gar nicht genug danken. Und nicht mehr lange, dann werde ich gleich zwei davon um mich herum haben. Dann kann mein Glück auf dieser Erde nicht größer werden.

Marco sieht mir am nächsten Tag an, dass es ein anstrengender Abend für uns/mich war. Meine Augenringe sprechen eine deutliche Sprache. Ein paar sarkastische Seitenhiebe kann er sich deshalb nicht verkneifen. Aber er freut sich für uns.
Der soll mal schön den Ball flach halten. Er selbst ist nämlich keinen Deut besser als ich. Oft kommt er morgens zu spät zur Arbeit, oder hat geschwollene Augen, weil der Abend vorher bis tief in die Nacht mit erotischen Spielchen verlängert wurde. Frauke scheint ähnlich wild, fordernd und ausdauernd zu sein, wie ihre ältere Schwester. Der Ärmste läuft an manchen Tagen echt auf dem Zahnfleisch.

Ach ja, selbstredend, dass er beim Umzug hilft, das war mir eh von vornherein klar. Jeden Abend sind wir nun zusammen in deiner Wohnung und räumen deine Sachen, Karton für Karton, ein. Oft bekommen wir willkommene Unterstützung von Marco und Frauke. Einiges wird gleich für den Sperrmüll aussortiert, anderes für einen möglichen Abverkauf zur Seite gestellt.

Ich bin überrascht, wie leicht es dir fällt, dich von manchen Dingen zu trennen. Andererseits bin ich auch etwas erleichtert, schließlich ist meine Wohnung komplett eingerichtet. Und ganz ehrlich? Nichts gegen die Möbel des schwedischen Möbelhauses. Aber einmal auf- und abgebaut, sind sie nach einem Umzug nur noch bedingt für einen Wiederaufbau geeignet. Deinen Kleiderschrank allerdings brauchen wir. Meiner ist mit meinen und deinen Sachen zusammen hoffnungslos überfordert.

Leas Kinderzimmer ist auch weitestgehend fertig eingerichtet. Nur ein paar deiner alten Puppen und Stofftiere finden einen gemütlichen Platz auf einer ihrer Kommoden, oder in ihrem Kinderbett.
Gut vorbereitet, ist der Umzug ein Klacks und schnell erledigt. Zwischenzeitlich haben sich diverse Pärchen deine Räume angesehen. Eine Flut von Bewerbern prasselt auf uns ein. Sodass wir - jetzt wo die Räume soweit leer sind - dazu übergehen werden, ganztägige Besichtigungstermine zu vereinbaren, an denen sich die potentiellen Nachmieter, in langer Reihe aufgestellt, einer nach dem anderen die Räume ansehen können. Wie in einem Kreisverkehr geordnet, durchlaufen die Menschen neugierig die Räumlichkeiten. Höflich beantworten wir deren Fragen und notieren uns die Adressen der Interessenten.

Unfassbare 600 Leute kommen zusammen, die sich aber schnell wie von selbst aussortieren: Passt nicht, zu jung, zu alt, keine gute Selbstauskunft, wollen die Möbel nicht, Wohnung zu klein, zu groß, schlechter Zuschnitt, Bad zu unmodern … und so weiter. Am Ende müssen wir uns Gott sei Dank nicht selbst für jemanden entscheiden. Eine vorsortierte Liste mit 10 Kandidaten bleibt am Ende übrig, die wir dem Vermieter übergeben können. Ohne Murren entlässt er dich zum Ende des Monats aus dem Mietvertrag. Sehr gut und auch abgehakt!

****

Die nächsten drei Wochen ziehen ins Land. Dein Körper verändert sich fast täglich. Dein runder Bauch wächst und wächst. Wo wird das enden? Im Bett werde ich von meiner Tochter geweckt. ‚Typisch Frau‘, schon früh fängt sie an, ihr Territorium im Bett zu markieren und tritt mich durch die Bauchdecke ihrer Mutter in den Rücken. Nur damit ich das Feld räume und dem Bauch bereitwillig meinen angewärmten Platz überlasse. Immer noch gehört es zu unserem Ritual, deinen Bauch und deine Brüste mit Öl einzureiben, damit keine Schwangerschaftsstreifen zurückbleiben.

Bei deinen Brüsten darf ich jetzt nicht mehr so fest kneten. Sofort schießen feine Strahlen Muttermilch aus ihnen heraus. So, als wären mit feinsten Nadeln drei oder vier kleine Löcher in deine Warzen gestochen worden, verteilen sich die feinen Spritzer in mehrere Richtungen. Lässt der Druck meiner Hände nach, versiegt auch der Strom der nahrhaften Flüssigkeit. Deine Hügel müssen prallvoll damit sein.

Eines Abends habe ich dich dabei ertappt, als du dich im Bad selbst „gemolken“ hast. Mit streichenden Bewegungen hast du die Milch aus deinen Brüsten gedrückt. ‚Es spannt so sehr, dass es fast schmerzt‘, hast du mir verraten.
Ich selbst habe natürlich auch schon mal probieren dürfen. Es schmeckt leicht süßlich, ist aber jetzt nicht zwingend mein Fall. Angeblich ist es bei der Milch ähnlich wie beim Sperma, dass sich der Geschmack je nach Nahrung verändert. Ich glaube nicht, dass ich das unbedingt herausfinden möchte. Aber jeder wie er braucht und möchte.

Ein Donnerstag. Ich habe keine Ahnung wie spät es gerade ist. Aber mein Handy eskaliert förmlich in meiner Hosentasche. Natürlich bin ich gerade tief mit einem EDV-Problem verhaftet und das blöde Ding in meiner Tasche gibt einfach keine Ruhe. Genervt zerre ich das Teil aus meiner Hose. Unbekannte Nummer. Ich habe keine Zeit dafür. Achtlos schubse ich das blöde Ding zur Seite. Mit ein paar wackeligen Drehern kreiselt es auf dem Schreibtisch, bis es bewegungslos zur Ruhe kommt. Auch das Klingeln hört kurz danach auf. Endlich wieder Ruhe!

Träge schiebt sich der blaue Balken der Fortschrittsanzeige auf dem Monitor nach rechts. Diese Softwareinstallation dauert nun schon fast 20 Minuten. ‚Noch 34 Minuten‘, verrät mir die Anzeige als verbleibende Restdauer. Und das Ganze steht mir noch bei 6 weiteren Rechnern bevor. Was für ein Scheißtag!

Und wieder rappelt das Smartphon. Nervös zittert es durch die Vibrationen auf der Tischplatte herum.
Am liebsten würde ich es jetzt aus dem Fenster werfen. Natürlich durch das geschlossene. Anstelle dessen drücke ich den Punkt mit dem grünen Hörer …

„Was ist?“, spreche ich deutlich genervt in die Elektronik.
„Ääämmhh … Entschuldigung … bin ich da richtig, sind Sie Herr Tobias Rolfes?“, fragt mich eine ängstlich piepsige Stimme.
„Ja, na und?“, mache ich meinem Unmut über die Störung Luft.
„Kennen Sie eine Katharina Neumann?“
„Ja, und wenn? Was ist nun…?“, so langsam werde ich ungehalten!
„Ich bin Lernschwester Silke, Frau Neumann liegt in den We …“

Erst jetzt hat mein Gehirn geschnallt, was sie mir gerade gesagt hat. Mitten im Satz drücke ich den roten Hörer, brülle nach Marco und habe schon meine Jacke an, als er mit krauser Stirn in mein Büro kommt.
„Du musst hier weiter machen … es geht los … Kathi … ich werde Vater!“, im Vorbeilaufen rufe ich ihm diese spärlichen Informationen zu. Aber er begreift sofort.

Der Verkehr ist in Berlin immer am Schlimmsten, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann. Zäh zieht sich die endlose Blechschlange durch die Straßen. Für die knapp 5 Kilometer bis in die Klinik brauche ich sagenhafte 35 Minuten.
Nicht ungewöhnlich, nachmittags zwischen 16 und 17 Uhr. Und dann noch die unermüdliche Parkplatzsuche. Selbst im Parkhaus gibt es kaum noch freie Stellplätze. Nochmal 10 Minuten bis ich Etage für Etage abgegrast, und ich meinen Audi in eine eigentlich zu kleinen Lücke gequetscht habe.

Abgekämpft und entnervt erreiche ich die Babystation. Am Schwesternzimmer lächelt mich ein junges Mädchen an. An ihrer Brust steckt ein Namensschild ‚Silke‘.
„Hallo, ich möchte bitte zu Frau Katharina Neumann.“
„Die liegt auf Zimmer 1211 und erwartet Sie schon.“

Immer noch ziert ein zauberhaftes Lächeln ihr feines Gesicht. Gerade will ich mich abwenden und gehen. Dann schießt es mir in den Kopf, dass ich sie vorhin am Telefon ziemlich unfreundlich abgefertigt habe. Abrupt bleibe ich stehen, gehe den halben Schritt wieder zurück und blicke sie an.

„Hören Sie, es tut mir leid, dass ich Sie vorhin so angefahren habe. Ich war so in der Arbeit vertieft, dass mich der Anruf nicht nur gestört, sondern auch genervt hat. Bitte entschuldigen Sie, ok?“
„Kein Problem, ich habe es unbeschadet überlebt. Nur schade, dass ich sie bei meinem ersten Versuch nicht erreichen konnte.“
„Erster Versuch …? Mist!“, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Schnell drehe ich mich um und gehe los.
„Falsche Richtung! Sie müssen hier lang.“, ruft Silke hinter mir her und zeigt genau in die entgegengesetzte Richtung den Flur entlang.
„Nur keine Eile, Sie sind eh zu spät!“, zuckt sie mit den Achseln, als ich wieder an ihr vorbeikomme.
„Wie, zu spät?“, frage ich kurz zurück.
„Lassen Sie sich überraschen!“, lächelt sie mir zu.

Verhalten klopfe ich wenige Augenblicke später an die breite Tür von Zimmer 1211. Ein leises „herein“ lässt mich die Klinke nach unten drücken. Vorsichtig schiebe ich meinen Kopf durch den sich öffnenden Spalt. Dort liegst du, abgekämpft und müde. Strähnig und nassgeschwitzt liegen deine Haare auf dem Kissen. Du liegst auf der Seite. Es fällt dir sichtlich schwer, deine Augen offenzuhalten. Immer wieder fallen dir die Lider zu. Eng vor dir liegt ein kleines Bündel aus Decken und Tüchern. Winzige Finger, zur Faust geballt, strecken sich dir entgegen. Das ist so ein überwältigender, rührender Anblick, dass es mir sofort die Tränen in die Augen treibt.

„Darf ich dir deine Tochter Lea vorstellen?“, deine Stimme klingt kraftlos. Längst stehe ich an deinem Bett. Vorsichtig schiebe ich einen Zipfel der Decke zur Seite. Ihre Augen sind geschlossen. Sie ist wunderschön! Die Haut noch etwas schrumpelig, aber schon zartrosa. Ein leichter Haarflaum bedeckt ihren Kopf. Es sind dunkle Haare, wie die ihrer Mutter. Deine Brustwarze steckt in ihrem Mund. Nur manchmal zuppelt sie ganz leicht an ihr, so als würde sie süß vor sich hinträumen.

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