Die Flugbegleiterin - Teil 6

Fester Boden unter den Füßen

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Die Flugbegleiterin - Teil 6

Die Flugbegleiterin - Teil 6

Gero Hard

Jetzt ist es mir peinlich. Ich habe weder Blumen noch sonst ein Geschenk für dich. Darauf waren wir beide nicht vorbereitet. Sechs Wochen ist sie zu früh, die kleine Maus. Plötzlich hatte sie es ganz eilig.
„Ich war gerade beim Einkaufen, als mir mitten im Laden die Fruchtblase geplatzt ist. Mit starken Unterleibsschmerzen bin ich dort zusammengebrochen. Bis der Krankenwagen da war, sind ein paar Kundinnen bei mir geblieben und haben mir Beistand geleistet. Tja, dann mit Blaulicht hierher und von da an ging alles ganz schnell.“
„Ich sollte sauer auf dich sein. Wir wollten doch das Wunder der Geburt zusammen erleben. Und jetzt bin ich zu spät.“

Dabei streichle ich mit meiner flachen Hand über deine Haare. Es ist kaum mit Worten zu beschreiben, wie viel
Liebe und Hochachtung ich für dich, nicht nur in diesem Augenblick, empfinde. Ich bin dir so unendlich dankbar, dass du mir dieses kleine, wunderschöne Wesen geschenkt hast.
Schon beim ersten Blick in dieses kleine Gesicht ist mir völlig klar, dieses süße Wesen haben wir beide gezeugt. Es hat deine Augen, deinen kleinen Leberfleck am Hals, aber meine Nase und meine hohe Stirn.
Ich brauche keinen Vaterschaftstest um zu wissen, dass dieses kleine Mädchen aus meinem Samen entstanden ist. Noch während ich an deinem Bett sitze, beginne ich unsere Familien anzurufen. Deine und meine Eltern, Frauke und natürlich auch Marco. Auf meinem Stuhl hält mich nichts mehr. Aufgeregt laufe ich im Zimmer auf und ab, während ich überall die gute Nachricht überbringe.
Als ich mich zu dir umdrehe sehe ich, dass du erschöpft eingeschlafen bist. Leise verlasse ich das Zimmer und bitte Silke dir auszurichten, dass ich später nochmal vorbeikomme. Zur Belohnung bekommt sie dafür ein kleines Küsschen auf die Wange.

Mein Weg führt mich zum nächsten Juwelier. Es soll ein Ring für meine Frau sein, in den ich unsere drei Namen gravieren lasse, „Kathi, Tobi & Lea“. Dazu ein kleines Kettchen für meine Tochter. Mir ist klar, dass sie für diesen Schmuck noch viel zu klein ist. Aber auch in den herzförmigen Anhänger lasse ich unsere Namen eingravieren. So hat sie immer ein bleibendes Andenken.
Dann noch schnell einen geöffneten Blumenladen suchen. Keine Chance. Um diese Zeit helfen dann nur noch die Tankstellen mit ihren kargen Sortimenten. Aber immerhin erwische ich noch einen Strauß relativ frischer Sommerblumen. Kathi hat es in dem Geschäft kalt erwischt. Wie peinlich muss es ihr gewesen sein, als ihr vor allen Leuten das Fruchtwasser die Beine herabgelaufen ist. Ich hoffe, sie hat das in dem Moment völlig ausblenden können.
Auf jeden Fall hat sie die längst fertig gepackte Notfalltasche nicht dabeigehabt. Im Bett hatte sie noch dieses hässliche, hinten geschnürte OP-Hemdchen an. Weder praktisch, und schon gar nicht sexy.
Schnell ergänze ich die Tasche mit ein paar Nachthemden und ein paar Schlüpfern. Dann wieder zurück ins Krankenhaus.
In deinem Krankenzimmer erwartet mich ein Pulk von Menschen. 2x Oma, 2x Opa, 1x Frauke und 1x Marco. Mittendrin, immer noch müde aber strahlend, die beiden wichtigsten Frauen in meinem Leben. Entschuldige Mama.
Durcheinander wird darüber diskutiert, wem von uns denn nun dieses Kind ähnlicher sieht: … sieht aus wie die Mutter …, ist dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten …, so sah Tobi nach der Geburt auch aus ..., auf dem Babyfoto von Kathi, da … und, und, und!

Dein Kopf wechselt wie beim Tennis, von einem zum anderen. Dann siehst du mich im Raum stehen, verloren in der Mitte, mit meinen Blumen in der Hand, dein Blick strahlt so viel Glück und Liebe aus.
Dann zuckst du mit deinen Schultern, als wolltest du mir sagen: „Schatz, lass sie. Bald sind sie weg und dann haben wir beide uns wieder.“ Ich habe dich ohne Worte verstanden und nicke dir zustimmend zu.
Fast eine Dreiviertelstunde belagern dich die frischgebackenen Großeltern. Bis deine Mutter von selbst merkt, dass dir diese Menschenmenge noch zu viel ist. Mit den Worten „Wir müssen los!“, knufft sie ihrem Mann in die Seite und drängt zum Aufbruch. Zusammen mit meinen Eltern verabschieden sie sich. Die Erleichterung ist dir ins Gesicht geschrieben. Nur noch Frauke und Marco sitzen an deinem Bett. Schnell ziehe ich mir einen der freigewordenen Stühle dazu.

„Die sind ja wunderschön!“
Tief steckst du deine Nase in den bunten Strauß, indem du den von mir verstecken Ring findest und mich dankbar anlächelst. Verträumt steckst du dir den Schmuck an den Finger, während Frauke aufsteht und eine Vase organisiert. Wortlos stellt sie die Vase mit den Blumen auf den Nachttisch, bleibt aber stehen und räuspert sich.
„Jetzt, wo wir unter uns sind, muss ich was loswerden.“ Ihre Augen werden tränenfeucht und ihre Hände legen sich auf ihren flachen Bauch. „Ich bin schwanger!“, sagt sie leise in die Runde.
Du beugst dich zu Frauke rüber und flüsterst ihr ins Ohr, was sich wie ein Glückwunsch anhört. Dann nimmst du sie fest in den Arm. Marco kommt um das Bett herumgeflogen.
„Frauke mein Schatz, warum hast du denn nichts gesagt?“
„Ich weiß es erst seit heute Nachmittag, entschuldige. Natürlich hättest du es als Erster erfahren müssen. Aber hier, mit dem süßen Fratz im Bett, konnte ich es nicht mehr für mich behalten.“
Marco, ganz der Gentleman, nimmt seine Göttin mit einem leisen, „Schon gut, ich kann dich ja verstehen“, einfach in die Arme und drückt sie lange liebevoll an sich. Auch das Glück der beiden wird in naher Zukunft mit einem kleinen Schatz bereichert werden.

„Wo wir schon dabei sind, große Ankündigungen verlauten zu lassen, hätten wir auch was: Das Kathi und ich heiraten werden, ist kein Geheimnis. Aber, dass wir das in Las Vegas tun wollen, ist bisher eines gewesen. Wir möchten euch einladen, uns als Trauzeugen zu begleiten. Wir würden uns sehr freuen, euch bei diesem wichtigen Schritt um uns zu haben!“
Meine Frage ist an Marco und Frauke gerichtet. Du und ich, sehen die beiden erwartungsvoll an.

„Mannomann,“, sagt Marco, „was ist das für ein verrückter und besonderer Tag ist heute! Den mach ich mir rot im Kalender. Erst die Geburt von Lea, dann die Nachricht, dass ich Vater werde, und nun kommst du und willst,
dass wir eure Trauzeugen werden? Und dann auch noch in Las Vegas?“

Seinen Blick in die Augen von Frauke kann ich nicht deuten. Drei Augenpaare sehen ihn erstaunt an, als er auf die Knie fällt. Dann nimmt er die Hände von Frauke.
„Frauke Neumann, du machst mich mit diesem Kind zum fast glücklichsten Mann auf dieser Welt! Doch noch glücklicher würdest du mich machen, wenn du meine Frau wirst! Willst du?“
Ich kann ihr ansehen, dass sie mit Vielem gerechnet hat, aber damit ganz sicher nicht. Erstaunlich schnell hat sie ihre Fassung wieder.
„Marco Friedmann, deine Frechheit ist ja kaum zu überbieten. Du machst mir einen Antrag, ohne einen passenden Ring in der Tasche zu haben? Da muss ich fast schon aus Trotz ‚NEIN‘ sagen. Ich nehme das mal als Rache dafür, dass ich dich mit der Schwangerschaft überrumpelt habe. Wenn du mir versprichst, das mit dem Ring schnellstens in Ordnung zu bringen, sage ich: JA, ich will!“
Spontan und verrückt wie ich nun mal bin, haue ich noch einen raus: „Doppelhochzeit in Vegas, wie geil ist das denn bitte!“
Mit versteinerten Mienen sehen wir uns alle vier an. Dann brechen wir alle in schallendes Gelächter aus. Unsere Eltern werden uns hassen, jetzt erst recht!

****

Unser Sonnenschein entwickelt sich prächtig. Du machst das toll und bist eine gute Mutter. Keine von diesen überfürsorglichen Helikoptermüttern, aber du gehst ganz in deiner Rolle auf.
In einer der wenigen ruhigen Momente hast du mir verraten, dass du dir gern ein Geschwisterchen für Lea wünschst, solange es deine biologische Uhr noch zulässt. Als fast 41jährige ist eine Schwangerschaft nicht immer ratsam. Na ja, wir werden sehen.

Manchmal bin ich auf das zarte Wesen etwas eifersüchtig, wenn sie durstig an deinen Brüsten nuckelt, oder sie stundenlang deine ungeteilte Aufmerksamkeit einfordert. Dann entschädigt mich dein Blick für das Gefühl, gerade etwas zurückgesetzt zu sein. Ich komme damit klar, muss ich ja auch. Und es ist auch ok so. Es liegt in der Natur der Sache, dass es ist, wie es eben ist. Die Zeiten werden sich wieder ändern und dann darf auch ich wieder an deinem Leben teilhaben. Und bis dahin werde ich dich verwöhnen und im Haushalt entlasten, so gut ich eben kann. Das ist die Rolle, die mir im Moment zugedacht ist und die ich auch gerne übernehme.
Genau zwei Wochen nach Leas Geburt ist mein Scheidungstermin. Ich lasse es mir nicht nehmen, meine neue Familie mit in den Gerichtssaal zu nehmen. Lea im Tragetuch vor deiner Brust, mit meinem Arm um deine Hüfte geschlungen, betreten wir den großen Raum. Carola sitzt mit ihrem Winkeladvokaten schon da.

Wenn Blicke töten könnten, würdest du mit Lea zusammen sofort tödlich getroffen zu Boden sinken. Wie Giftpfeile schießt sie ihre Blicke auf uns. Hinter uns kommen auch Marco und Frauke in den Saal. Marco kennt Carola, und umgekehrt.
„War so klar, dass du den und deine neue Schlampe hier mit anschleppst.“, sagt sie laut über die Tische hinweg.
„Neidisch?“, frage ich provokant zurück.

Natürlich habe ich den alten Mann im Publikum entdeckt, dem der Sabber aus den Mundwinkeln tropft, wenn er dir in deinen übertrieben großen Ausschnitt glotzt indem du deine neu gemachten, viel zu großen Wuchtbrummen präsentierst. Bestimmt hat er das teure Silikon bezahlt, so deute ich deine „verliebten“ Blicke, die du ihm zuwirfst und dabei mit den Augen klimperst. Was immer du ihm nach der Verhandlung versprochen hast, er scheint sich schon mächtig darauf zu freuen.
Der Richter lässt die persönlichen Daten aus dem Scheidungsantrag verlesen und fragt uns, ob alles soweit richtig ist. Dann will er wissen, ob das angegebene Trennungsdatum stimmt, damit er beurteilen kann, ob das Trennungsjahr eingehalten ist. Unsere Anwälte bestätigen die Richtigkeit der Angaben.

„Herr Rolfes, wollen Sie von der hier anwesenden Carola Rolfes geschieden werden?“
„Ja, Herr Richter!“
„Frau Rolfes, wollen Sie von dem hier anwesenden Tobias Rolfes geschieden werden?“
„Nein, will ich nicht!“

Mindestens vier Menschen in diesem Raum sitzen mit aufgerissenen Augen und offenem Mund auf ihren Stühlen. Eine fallende Stecknadel hätte ohrenbetäubenden Lärm verursacht. Selbst der Richter hätte mit dieser Antwort nicht gerechnet.
Kurz berate ich mich mit meiner Anwältin und erzähle ihr von der Erpressung, der Geldübergabe und das es davon ein Video gibt.

„Herr Richter, darf ich mit meinem Kollegen zum Richtertisch vortreten? Es gibt etwas, das Sie sich ansehen sollten.“
Meine Anwältin ist aufgestanden und hält mein Handy nach vorn. Mit einer einladenden Handbewegung bittet er uns nach vor. Nur wenige Minuten ist das Video lang. Überrascht sieht er zu Carola, die sofort leichenblass wird.

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