Das kam auch dem Heilkundigen im Dorf zu Ohren, und er hatte zugleich ein Auge auf die bildhübsche Alke geworfen, die im Goldenen Kalb das Leben feierte und sich Nacht für Nacht von Männern feiern ließ. Ronathan, der Heilkundige, arbeitete mit Fußbädern, renkte Schultern ein, verteilte den Kindern Hustensirup und legte Brustwickel an. Im Grunde war er ein guter Kerl, aber eine Schwäche bemächtigte sich seiner: Es ging um das weibliche Becken, dieses Mysterium aller Mysterien. Er hatte erfahren, dass seine Berufskollegen in den Nachbarstädten dazu übergegangen waren, unwillige, wütende Frauen der Hysterie zu bezichtigen, und es ging darum, sie zu beruhigen. Darum wurden ihnen Reitstunden verordnet, damit die Gebärmutter wieder zurück zu ihrer inneren Mitte fand, und, von Bändern wie dem Ligamentum Teres Uteri gehalten, zurück in ihren Schwebezustand geriet. Anders als seine Berufskollegen betrachtete der feinsinnige und visionäre Ronathan Frauen aber nicht als «dem Manne aus einer Rippe geschnittenes Wesen», sondern als eigenständige, sensible Geschöpfe mit einer eigenen Seele. Und diese Seele verbarg sich zum Teil im weiblichen Herzen, zu einem weiteren Teil aber im weiblichen Becken.
Und so kam es, dass Ronathan sich eines Abends in die Kaschemme gesellte, ein großes Bier bestellte und Alke ein Zettelchen zusteckte. Er wusste, dass sie des Lesens kundig war, weil sich der Dorfschullehrer für Alke besonders oft und besonders gerne Zeit genommen hatte. Wohlwollend betrachtete Ronathan, der ja auch nur ein Mann war, Alkes ausladenden Hintern, als sie sich von ihm abwandte und sich zu einem gut besetzten Männertisch gesellte.
Und tatsächlich hallte am nächsten Tag, pünktlich um 13:00 Uhr, die Glocke an der Eingangstür zu Ronathans Praxis.
Die Leder-Moni
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