Kommen wir direkt zur Sache: Der Zugang zur Vulva, insbesondere deren Untersuchung, ist seit vielen Jahrhunderten von gesellschaftlichen Stigmata, von Haltung, von politischen Einflüssen und natürlich von religiösen Irritationen geprägt. Ich erinnere mich an ein Abendessen mit drei älteren Ärzten, in Zakynthos, in der Taverne meiner Eltern. Der Abend war lauschig, die Pinien und das nahe Meer tauchen die Taverne seit vielen Jahren in ein spezielles Etwas, das es nur auf meiner Heimatinsel gibt. Und irgendwann, bei der Cassata als Nachspeise, kam Jürgen Kretschmar auf die Leder-Moni zu sprechen. Alle drei anwesenden Mediziner waren Kommilitonen und hatten ihr Staatsexamen Mitte der 1980er Jahre abgelegt. Vor sage und schreibe etwa 40 Jahren! Nun waren die Herren im besten Alter, alle drei berentet, aber diese leise Trauer, die jeden Arzt, jede Ärztin beschleicht, wenn er oder sie an die aktive Berufslaufbahn zurückdenkt, war auch Jürgen, Bastian und Holger anzumerken. «Die Leder-Moni», seufzte Holger mit in die Ferne gerichtetem Blick. «Wir hatten im ersten Gynäkologiepraktikum meines Lebens einen äußerst fantasievollen Professor. Zu jener Zeit war die Frauenheilkunde, zumindest im Einzugsbereich unserer Uni, fast ausschließlich Männersache. Wisst Ihr noch? Und, Anita», fuhr er fort und richtete seinen Blick auf mich, «wir mussten uns ja auf irgendeine Weise an die Vulva herantasten. Aus dem Sobotta-Anatomieatlas war sie uns natürlich bekannt, wir erinnern uns alle an diese eine, sehr spezielle Zeichnung auf einer der ersten Seiten, von denen uns eine Vulva, in der Ansicht von hinten, Doggystyle gewissermaßen, entgegenlächelt. Dieses Bild hat mich ab dem ersten Tag meines Studiums nie wieder losgelassen», lachte Jürgen in die Runde. «Ging mir auch so», gab Holger zu.
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