Er versucht, sich zu orientieren, sucht die Frau. Versteckt sie sich etwa vor ihm? Er greift nach der Leiter, hält sich am Holm fest. Ein Wassertropfen trifft seine Nase. Er schaut nach oben und sieht die Frau über sich. Die grazile und beinahe schwerelose Transparenz ihres Chiffonkleides hat der Regen in Durchsichtigkeit verwandelt. Das Kleid klebt nass an ihrem Körper, betont so ungewollt ihre weibliche Figur.
Sie hat unendlich lange Beine. Mit einem steht sie auf der fünften Stufe und mit dem anderen auf der Sechsten. Irgendetwas hindert sie daran, höher zu steigen. Mit beiden Händen hält sie die Leiter krampfhaft fest umklammert. Sie kann nicht mehr vor und nicht zurück. Er spricht sie an. Sie kann ihren Kopf nicht drehen, schaut nur geradeaus. Er spürt ihre Angst, möchte sie ihr nehmen. Ob er ihr helfen dürfe, redet er beruhigend auf sie ein? Sie nickt kaum merklich.
Auch wenn es noch so in Strömen gießt, er rennt zum Auto, seine Reisetasche zu holen. Als er zurückkommt, steht sie noch immer auf der Leiter. Irgendetwas stimmt hier nicht. Er sieht es sofort. Höhenangst, ein Krampf, beides? Verkrümmt steht sie da, den Schoß an eine Sprosse gepresst. Dies ist kein Spiel. Er nähert sich vorsichtig der Leiter. „Ich bin jetzt wieder bei ihnen, will ihnen helfen. Bitte nicht erschrecken, wenn ich jetzt nach ihrem Fuß greife.“
Sie reagiert unsicher. Gemeinsam versuchen sie, den höheren Fuß von der sechsten Sprosse zu lösen. Sie zittert, ihre Augen blicken starr ins Dunkel. Unsicher folgt ihr Fuß seiner Hand. Geschafft, sie steht jetzt mit beiden Füßen auf der fünften Sprosse. „Nicht nach unten schauen, ermahnte er sie und gut festhalten!“ Er behält seinen Griff und geleitet so den Fuß weiter von der fünften auf die vierte Sprosse. Sie hat wunderschöne Füße und steht beinahe wie auf Zehenspitzen. Eine Ballerina könnte es nicht besser.
Die Leiter
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