Die Leiter

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Die Leiter

Die Leiter

Pilot in Command

Sie knöpft sie langsam und bedächtig zu und lässt ihn dabei nicht aus den Augen.

Den unteren Knopf lässt sie offen. Der schmal geschnittene Rock mit dem langen Gehschlitz passt ihr wie angegossen. Sie schließt den Reißverschluss und sieht ihn fragend an. Jetzt will er es wissen und zeigt auf die High Heels. Das Experiment gelingt. Sie steht wieder auf diesen unglaublich spitzen Füßen, genau wie eben noch auf der Leiter. Die Heels sind eigentlich nur schmückendes Beiwerk. Er glaubt zu träumen.

Ganz in der Nähe schlägt ein Blitz ein. Eine Windböe trägt den Donner durch den Torspalt. Einer der Stricke fällt vom Gebälk, ihr direkt vor die Füße. Zu Tode erschreckt, schmiegt sich die Frau an ihn. Sie zittert. Er kann sie nur schwer wieder beruhigen. Was Sie so erschreckt hat, möchte er wissen? Sie blickt ihn lange verunsichert an, so als müsse sie ein Geheimnis verraten.
Es sei der Strick gewesen, befreit sie sich selbst. Von einem Escort-Service ist die Rede, der aus dem Ruder gelaufen ist. Warum hat er die Striemen an ihren Handgelenken nicht selbst bemerkt? Mit vor der Brust zusammen gebundenen Händen und diese an einem Strick zur Decke gezogen, war sie, nackt und nur auf den Zehenspitzen stehend, ihrem Peiniger hilflos ausgeliefert. Sie konnte sich selbst befreien, gerade noch das Chiffonkleid greifen und entkommen. Bis zum Schluss war sie fest davon überzeugt, ihr Peiniger würde ihr gefolgt sein und unten an der Leiter stehen.

So schnell wie begonnen, hat es auch wieder aufgehört zu regnen. „Ob sie das Kostüm anbehalten dürfe, um möglichst unerkannt zuhause anzukommen?“ Sie würde es ihm bei nächster Gelegenheit zurückgeben. Er muss nicht lange überlegen. Seine ganz persönliche Visitenkarte fällt ihm ein. Er hat sie auf dem Weg zu einem Date immer dabei. Es ist eine kleine, silberne Schatulle. Im Deckel  eingraviert, ein Kunstwerk aus ineinander verschlungenen Dreien und Achten und der ordnenden Buchstabenreihe nullhundertzweiundfünfzigvierunddreißigachtzehnachthunderteinunddreißigacht.  Zwei Kirschpralinen befinden darin. Er greift nach ihren Händen. Sie öffnen die Schatulle gemeinsam. Es duftet zartbitter nach Schokolade. Vorsichtig beißt er eine Praline an und balanciert sie mit den Zähnen. Sie versteht sofort. Gemeinsam beginnen sie, nach der Kirsche zu suchen.

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